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Interview: "Sie fliehen vor der omnipräsenten Gewalt"

Die 24-jährige honduranische Fotojournalistin Whitney Godoay hat mit ihren Videos und eindrucksvollen Fotos den Weg der Migranten aus Honduras an die US-Grenze bei Tijuana dokumentiert. Für sie ist das ein Beitrag gegen das Schweigen der Medien in ihrem Heimatland Honduras.

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Zwei minderjährige Flüchtlinge aus Mittelamerika warten in der Migrantenherberge in Tenosique, Mexiko, auf den nächsten Zug, der sie näher an die US-mexikanische Grenze bringen soll. Foto: Adveniat/Ole Schulz

In wenigen Wochen wird ein Film über Ihre dokumentarische Arbeit bei der Begleitung der Karawane der Migranten aus Honduras über Guatemala und Mexiko bis an die Grenze zu den USA in Tijuana erscheinen. Wie kam es dazu?
 
Ich studiere noch und mache bei der Produktionsfirma „Terco Producciones“ mein Praktikum. Also musste ich nachfragen, ob ich meine Idee, die Karawane zu begleiten, realisieren dürfte. Ich habe grünes Licht von dem Team erhalten. Das Team hat meine Arbeit, die ich in den sozialen Medien veröffentlicht habe, verfolgt und kam auf die Idee, sie zu einem Film zu verarbeiten. Für mich eine tolle Idee, denn die Karawane hat in den honduranischen Medien kaum eine Rolle gespielt.
 
Warum nicht? Es ist international berichtet worden.
 

Ich war damals in Tegucigalpa, als die erste Karawane sich auf den Weg machte. Ich habe mich dann entschieden, die zweite Karawane zu begleiten, und eine Freundin von mir wollte die Karawane für die Zeitung „El Tiempo“ begleiten. Das Projekt scheiterte aber, da zum einen das redaktionelle Interesse nicht groß war und zum anderen die Familie, der das Blatt gehört, wegen Geldwäsche angeklagt wurde. Danach wurde die Printausgabe eingestellt. 
 
Warum ist die Karawane, der sich viele Honduraner angeschlossen hatten, in Honduras kein mediales Thema gewesen?
 
Für mich war die Karawane ein historisches Ereignis, weil die permanente Migration auf diese Weise erstmals sichtbar wurde. Politisch ist es aber in Honduras nicht gewünscht, dieses Thema aufzugreifen, weil es die ökonomische Perspektivlosigkeit in Honduras belegt. Da das Gros der Medien aber von den Anzeigen der Regierung abhängt, haben sie sich selbst zensiert. Ich wollte dennoch informieren und so habe ich den Kontakt zur Karawane aufgenommen. 
 
Wussten Sie von den Risiken, zum Beispiel von Mitgliedern der Kartelle überfallen und entführt zu werden?
 
Ja natürlich, es war eine Risiko und ich hatte Angst, aber ich fühlte eine Verpflichtung. Und als „Terco Producciones" mir erlaubte, die Karawane zu begleiten, war die Entscheidung gefallen. 
 
Woher kommt Ihre Bereitschaft, sich zu engagieren?
 
Ich komme aus einfachen Verhältnissen, aus einem Armenviertel. Und es haben nur wenige aus meinem Viertel geschafft, sich nicht in das Netz der Maras und der Banden zu verstricken. Es ist schwer, in solchen Verhältnissen die Fähigkeit nicht zu verlieren zu träumen, zu denken - aber das habe ich mir bewahrt.
 
Haben Sie sich deshalb entschieden, Journalismus zu studieren?
 
Zuerst wollte ich Musik studieren, weil das eine Möglichkeit ist sich auszudrücken. Dann habe ich mich aber für Journalismus entschieden. Ich habe immer eine soziale Verpflichtung gespürt, wollte etwas weitergeben. Ich fühle mich einem humanen Journalismus verpflichtet – einem Journalismus im Dienste der Gesellschaft. 
 
Aber warum haben Sie sich dazu entschieden, Journalismus in einem Land wie Honduras zu studieren – wo die Medien oft im Interesse der Elite agieren?
 
Für mich ist klar, dass ich nicht für eines dieser Medien, die mit der politischen und ökonomischen Elite des Landes verknüpft sind, arbeiten will. Ich weiß, dass das im Umkehrschluss bedeutet, dass ich wenige Optionen habe, meine Arbeit zu machen, aber ich will sie machen – Journalismus im Dienste der Gesellschaft. Egal, ob in einem Medium oder für eine Nichtregierungsorganisation. 
 
Wie sind Sie denn zu "Terco Producciones" gekommen?
 
"Terco Producciones" ist eine Dokumentarfilm-Firma, deren Arbeit mir gefällt. Als ich für die Universität mein halbjähriges Abschusspraktikum machen sollte, habe ich mich für dieses Unternehmen entschieden. Das war bisher die beste Entscheidung in meinem Leben, denn "Terco Producciones" hat mir zwar nichts gezahlt, aber mir freie Hand gelassen und mich unterstützt, als ich mich entschieden hatte, die Karawane zu begleiten und den Marsch an die Grenze zu den USA zu dokumentieren. 
 
Was für Erfahrungen haben Sie da gemacht?
 
Die Karawane hat mir Einblicke in die Verzweiflung der Migranten geliefert. Sie haben keine Chance in Honduras, fliehen vor der omnipräsenten Gewalt, der Perspektivlosigkeit und ich hätte nie gedacht, dass sie weiter als bis zur mexikanischen Grenze kommen. Aber sie haben den Polizeikordon einfach durchbrochen, gemeinsam Entscheidungen getroffen und dieses Gemeinsame ist ein Hoffnungsschimmer. Der wird im Film, der den Titel „Whitney – die Rückkehr eines humanen Journalismus“ trägt, auch eine Rolle spielen.

Whitney Godoy hat die Karawane fotografiert. Foto: Knut Henkel

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