Mexiko, Argentinien |

Internationaler Literaturpreis: Zwei lateinamerikanische Werke nominiert

Die Nominierten: Ariana Harwicz (oben links, Foto: Mallach Photography), Dagmar Ploetz (unten links, Foto: Jürgen Bauer), Angelica Ammar (Mitte, Foto: Ann-Christine Woehrl) und Fernanda Melchor (rechts, Foto: privat) [Bearbeitung: aw]

Der „Internationale Literaturpreis“ zeichnet jedes Jahr Gegenwartsliteratur aus, die ins Deutsche übersetzt wurde. In diesem Jahr befinden sich zwei lateinamerikanische Romane auf der „Shortlist“ - „Stirb doch, Liebling“ von der Argentinierin Ariana Harwicz und „Saison der Wirbelstürme“, geschrieben von der Mexikanerin Fernanda Melchor. Der „Internationale Literaturpreis“ prämiert sowohl die Autorinnen als auch die Übersetzerinnen. Seit 2009 verleihen das "Haus der Kulturen der Welt" und die "Stiftung Elementarteilchen" den Preis, der mit insgesamt 35 000 Euro dotiert ist - 20 000 Euro für die Autorinnen und 15 000 Euro für die Übersetzerinnen. In Originalsprache darf das Buch nicht älter als zehn Jahre sein.

Der rauschhafte Anti-Familienroman

Bereits 2012 erschien im spanischen Original der Debütroman „Stirb doch, Liebling“ von Ariana Harwicz. Internationale Anerkennung erhielt das Buch nicht. Das änderte sich 2018, als die Jury des Man Booker International Prize die ins Englische übersetzte Fassung für den renommierten Preis nominierte. Das war der Startschuss für den internationalen Erfolgszug des Buches, inklusive einer Theateradaption. Dagmar Ploetz hat den Roman nun ins Deutsche übersetzt. Ploetz ist ein Argentinien aufgewachsen und gewann 2012 den Münchner Übersetzerpreis.  

Im Roman dürfte für die namenlose Erzählerin alles in Ordnung sein. Ein schönes Haus auf dem Land, ein liebender Ehemann, mit dem sie einen Sohn hat. Doch der Schein trügt. Sie schläft mit ihrem Nachbarn, hegt Mordfantasien und verzweifelt an der emotionalen Zerrissenheit in ihr, zwischen dem Wunsch eine gute Mutter und Ehefrau zu sein und der Bedeutungslosigkeit, die sie für diese Normalität empfindet. „Ein rauschhafter Anti-Familienroman“, nennt Jurymitglied Robin Detje das Buch. 2012 kürte die argentinische Tageszeitung „La Nación“ den Roman zum besten Buch des Jahres. Tobias Wenzel kritisiert in seiner Rezension für den NDR den Ton der Übersetzung: “Der deutschen Übersetzung fehlt der rotzige Ton des Originals.“ Abseits dessen sei die Übersetzung gut gelungen. 

Frauenmord in Mexiko

Kinder finden die Leiche einer Frau im Zuckerrohrdickicht in einer mexikanischen Provinz. Die sogenannten „Femizide“, Morde aus Frauenhass, sind ein großes Problem im Land. Die Schriftstellerin Fernanda Melchor nimmt sich dieses Themas in ihrem Roman „Saison der Wirbelstürme“ an. Aus verschiedenen Perspektiven schildert Melchor die Geschichte des Mordes. Das Buch ist jedoch kein Kriminalroman. Die Polizei, wie so oft in der Realität, ermittelt erst gar nicht. Der in der lateinamerikanischen Literatur verbreitete magische Realismus „wandelt sich hier zum realistischen Albtraum“, schreibt Christoph Ohrem in seiner WDR-Rezension. „Saison der Wirbelstürme“ ist Melchors zweiter Roman. Als „vulgär, funkelnd und außergewöhnlich“ bezeichnet Ralph Hammerthaler den Roman in der SZ.  

Ohrem lobt die Arbeit der Übersetzerin Angelica Ammar, die das Werk kongenial in ein sehr gut lesbares Deutsch überführe. Ammar hat selbst zwei Romane geschrieben. Sie lebt derzeit in Barcelona und hat bereits mehrere Werke verschiedener spanischsprachiger Autoren ins Deutsche übersetzt. 

And the winner is…

Am 18. Juni 2019 gibt die Jury in Berlin bekannt, wer den Preis gewinnt. Neben den beiden lateinamerikanischen Kandidaten sind ebenfalls nominiert: Zoltán Danyi „Der Kadaverräumer“ / aus dem Ungarischen von Terézia Mora, Hélène Cixous „Meine Homère ist tot / aus dem Französischen von Claudia Simma, Gerald Murnane „Grenzbezirke“ / aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt und Ysihai Sarid „Monster / aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. 

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