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Ausbleibende Rücküberweisungen verstärken Rezession in Lateinamerika

Manuel Orozco (55), Analyst und Experte für Migration, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Dollartransfers von Migranten in ihre Heimatländer und deren ökonomischer Relevanz. Der US-Amerikaner mit nicaraguanischer Abstammung arbeitet für den Inter-American Dialogue in Washington, einem Think Tank, der sich für demokratische Strukturen und Entwicklung in Lateinamerika und der Karibik engagiert. Knut Henkel hat mit ihm gesprochen.

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Manuel Orozco arbeitet für den Inter-American Dialogue in Washington, einen Think Tank, der sich für demokratische Strukturen und Entwicklung in Lateinamerika und der Karibik engagiert. Foto: Inter-American Dialogue

Blickpunkt Lateinamerika: Remesas heißen die Dollartransfers, die für viele Staaten in Mittelamerika und der Karibik eine wichtige Devisenquelle sind und bis zu zwanzig Prozent der Deviseneinkünfte ausmachen. Laut der Weltbank könnten die Dollartransfers in Folge der Corona-Krise um bis zu 20 Prozent einbrechen. Was würde das für die Staaten Mittelamerikas und der Karibik bedeuten?
 
Manuel Orozco: Wir vom Dialogue haben zwei Szenearien durchgespielt: eines mit einem 12-prozentigen und eines mit einem 18-prozentigen Einbruch. Bisher wissen wir nicht, wie lange Quarantänen und Ausgangssperren in den USA, Lateinamerika und der Karibik anhalten werden. Davon hängt vieles ab. 
 
Welche Folgen wird die Krise haben?
 
Schon jetzt ist klar, dass die Länder in eine Rezession schlittern werden. Die besonders vom Remesa-Zufluss abhängigen Ökonomien wie Haiti, Kuba, die Dominikanische Republik und die Staaten Mittelamerikas - mit Ausnahme von Panama und Costa Rica - sind in ihrer Wirtschaftsentwicklung ohnehin von externen Faktoren, wie dem Tourismus, dem Export bestimmter Agrarprodukte wie Kaffee oder der Produktion von Gütern für den internationalen Markt in Sonderwirtschaftszonen, den Maquilas, abhängig. All diese Sektoren sind bereits stark durch die Folgen der Corona-Krise getroffen: Der Tourismus, so unsere Schätzung, wird in diesem Jahr um rund vierzig Prozent zurückgehen, der Kaffeepreis ist in den letzten Wochen auf 1,10 US-Dollar pro Pfund Arabica-Kaffee abgestürzt und der Lockdown hat für einen Nachfragedämpfer in den Maquilas gesorgt. 
Hinzu kommt als weiterer negativer Faktor der Rückgang der Geldtransfers von Familienangehörigen im Ausland. All diese Faktoren sorgen dafür, dass viele genannten Länder besonders verletzlich sind – sie werden in die Rezession gleiten.
 
Wurden die Remesas in der Vergangenheit konsumiert oder produktiv investiert, wozu Sie oft geraten haben?
 
Zwei Drittel der Haushalte, die Dollartransfers erhalten, werden von Frauen geführt. Der Anteil der Empfänger, die ein kleines Unternehmen aufgebaut haben, die so genannten Microempresas, ist kleiner als zehn Prozent. Das grundsätzliche Problem ist, dass die Corona-Krise diese Geschäfte überproportional treffen wird. Sie werden kaum Gewinne generieren, Pleiten sind wahrscheinlich und das Gros der Bevölkerung in den Gesellschaften Mittelamerikas lebt im und vom informellen Sektor. Sie sind aber nur zu etwa fünfzehn Prozent in den ausgesprochen schwachen Sozialversicherungssystemen registriert. Der absehbare Einbruch der Remesas trifft die Familien also in einer ohnehin schon schwierigen Situation, denn die Remesas wirken wie ein sozialer Schutzschirm. Der wird löchriger und ein grundsätzliches Problem ist, dass es von Seiten der Regierungen keine Programme gibt, um dieses Kapital für produktive Investitionen zu nutzen – das haben wir immer wieder angeregt, aber mit nur sehr partiellen Erfolgen. Das trägt dazu bei, dass die Ökonomien sehr anfällig sind. 
 
Die Zahl der Entlassungen in den USA steigt – sind die Migranten, wie oft berichtet, die Ersten, die entlassen werden?
 
Migranten sind traditionell in Wirtschaftssektoren aktiv, die besonders hart von der Corona-Krise betroffen sind: die Gastronomie, der Tourismus und der Dienstleistungssektor. Sie sind die ersten, die oft entlassen werden. Das ist eine Realität, die wir aus anderen Krisen wie der Lehman-Krise kennen. 
 
Wird die absehbare massive ökonomische Krise in Mittelamerika und der Karibik dazu führen, dass sich mehr Menschen auf den Weg in Richtung USA machen?
 
Kurzfristig nicht, denn es gibt drei Faktoren, die zur Auswanderung beitragen: Der erste ist das Jobangebot in den USA. Das ist derzeit nicht vorhanden. Und auch wenn die Wirtschaft wieder anspringt, steht ein Heer von Arbeitswilligen in den USA bereit. Die 30 Millionen Menschen, die sich dort arbeitslos gemeldet haben, und auch diejenigen, die jetzt weniger arbeiten – zum Beispiel in der Gastronomie. 
Der zweite Faktor ist, dass die Familien kein Geld für die Reisekosten haben. Der dritte Faktor ist die Tatsache, dass die Grenzen deutlich undurchlässiger unter der Regie von Donald Trump geworden sind.
 
Wagen Sie eine Prognose?
 
Die Perspektiven sind düster, auch wenn ich glaube, dass die Wirtschaften im Juni relativ zügig wieder anlaufen werden. Aber es gibt zahlreiche Sektoren wie der Tourismus, für den das eben so nicht gilt. Das ist in der Karibik, Mittel- und Südamerika aber ein wichtiger Sektor. Hinzu kommt der bereits angesprochene Kaffeepreisverfall, der die mittelamerikanischen Wirtschaften stark trifft, ebenso Peru, Kolumbien oder Brasilien. Der Kaffeepreis ist um mehr als ein Drittel, teilweise die Hälfte eingebrochen und die Nachfrage nach anderen Rohstoffen, wie Industriemetalle, ist genauso rückläufig.

Besonders prekär schätze ich die Situation in Mittelamerika ein, denn dort hängt fünfzig Prozent des BIP von fünf Kernfaktoren ab: dem Tourismus, Agrarprodukten wie Kaffee, Bananen oder Kakao, den Billigfabriken in den Freihandelszonen und den Geldsendungen aus dem Ausland neben der staatlichen Wirtschaftsförderung. Das macht diese Wirtschaften so verletzlich. Der informelle Sektor, in dem sechzig bis siebzig Prozent der Bevölkerung arbeiten, trägt hingegen nur rund 20 Prozent zum BIP bei. Ich denke, dass die Wirtschaften 2021 noch nicht wieder das Niveau von 2019 erreichen werden.