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Pandemie im Paradies - Wie Corona den Karibik-Tourismus lahmlegt

Die Karibik lebt vom Tourismus. Doch wegen Corona sind die Grenzen dicht: keine Kreuzfahrten, keine Urlauber, keine Einkünfte - alle bleiben zu Hause. Was wird aus den Menschen in der Karibik, die wegen der Pandemie um ihre Zukunft fürchten?

Corona, Tourismus, Karibik

In der Karibik ist wegen der Coronakrise der Tourismus eingebrochen. Leerer Strand in der Dominikanischen Republik. (Archivbild) Foto: Pixabay

Das Karibische Meer glitzert türkisblau in der Ferne, im Schatten des Palmendachs im Garten von Virginia Scuderis Hotel entspannen Urlauber aus Frankreich und Deutschland zwischen Orchideen und rotem Ingwer auf Ledersofas - fernab von All-Inclusive-Buffets und Pauschalreisen. Virginia Scuderis Mann macht Frühstück: Toast, Avocado, Orangensaft.

Es ist nicht Corona, sondern Hochsaison in der Dominikanischen Republik. Virginia erinnert sich, drei Monate ist das erst her. Das Jahr startete richtig gut: viel Arbeit, viele Gäste, viel Umsatz. "Ich dachte, 2020 würde super laufen." Und jetzt: ein leeres Hotel. Die Corona-Pandemie stellt die Jahresplanung von Virgina Scuderi völlig auf den Kopf - nicht nur ihre, sondern die von Hunderttausenden Menschen in der ganzen Karibik, die von den Urlaubern leben und jetzt nicht wissen, wie es weitergeht.

"Paradise lost" - Der Tourismus in der Karibik bricht ein

"Die Karibik ist die vom Tourismus abhängigste Region der Erde", sagt Professor Bert Hoffmann, Leiter des Berlin-Büros des Giga-Instituts für regionale Entwicklung. In den meisten der Inselstaaten lebten ein Drittel bis die Hälfte der Bewohner allein von diesem einzigen Wirtschaftssektor.  Über 30 Millionen Übernachtungen zählte die Karibische Tourismusorganisation (CTO) im Jahr 2019, hinzu kommen weitere rund 30 Millionen Passagiere, die mit Kreuzfahrtriesen durch das Karibische Meer schippern. Allein in die Dominikanische Republik reisen jährlich mehr als sechs Millionen Besucher - rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes entfallen darauf. Die Devisen, die Touristen in die Karbik bringen, sind für die Volkswirtschaft essenziell.

Quasi über Nacht kollabierte der weltweite Tourismus. Wegen des Corona-Ausbruchs bleiben die Gäste fern, die Bundesregierung holte mit Charterflügen gestrandete Deutsche von Karibikinseln zurück.  "Das ist absolut dramatisch, wir haben in all diesen Ländern einen massiven Einbruch der Lebensverhältnisse, wodurch voraussichtlich ein Drittel der Menschen ohne ihr Einkommen dastehen", schätzt Hoffmann. Mittlerweile sind laut Johns-Hopkins-Universität in der Dominikanischen Republik selbst über 9.000 Menschen am Coronavirus erkrankt, doch nicht nur die Angst vor der Seuche grassiert, sondern auch soziale Nöte wachsen.

Gefährdeter Traum - Werden die Touristen zurückkommen?

"Niemand weiß, wann wir unser Hotel wieder öffnen können und wer dann noch kommen wird", sagt Virginia Scuderi. Sie selbst war Touristin in der Karibik. Vor 20 Jahren reiste die Norditalienerin in die Dominikanische Republik, verliebte sich und blieb. Mit ihrem Mann Pedro eröffnete sie 2011 das Aparthotel "Residencia El Balatà" am Rand des Küstenörtchens Las Terrenas im Norden der Insel. Es sollte ein Gegenentwurf zum weitverbreiteten Massentourismus werden - individualistisch, ökologisch, familiär.  Sie steckten ihre ganze Energie in das Projekt - und viel Geld: Sie renovierten das Hotel mit recyceltem Holz, erweiterten es um einige Zimmer. Die Zahl der Gäste aus Deutschland, Frankreich, Spanien Polen, Kanada und den USA wuchs über die Jahre.

Und dann kam Corona. Seit knapp zwei Monaten ist das Hotel dicht. Die Kredite, die sie aufgenommen habe, liefen jedoch weiter. Die Bank gewähre bisher nur einen kurzen Zahlungsaufschub - danach wird es eng. Die Ersparnisse der Familie mit ihren drei Kindern schmelzen dahin. "Wir hängen komplett von diesem Geschäft ab, wir haben nichts anderes." Sie finde es nicht richtig, dass die Regierung Hotels zwinge, zu schließen.

Ihren zwei Angestellten zahle sie einen Teil des Lohns fort, die Regierung übernehme den Rest. Der Staat kompensiert Arbeiternehmer während der Coronakrise mit bis zu 8.500 Pesos, umgerechnet knapp 145 Euro - zumindest vorerst. Es wurden bereits weitere Hilfen angekündigt. In einer offiziellen Mitteilung heißt es: "Wir koordinieren alle unsere Kräfte, damit es keinem Haushalt weder an Essensrationen noch an Basisprodukten fehlt." Als Kleinunternehmer bekämen sie jedoch nichts, nur die Steuern fielen vorerst weg, sagt Virginia Scuderi. Doch die finanzielle Ungewissheit wächst, denn die Kosten für Instandhaltung des Hotels und den Sicherheitsdienst liefen trotz Lockdown weiter.

Kaum soziale Sicherheit, kaum Alternativen  

Auch Professor Hoffmann ist skeptisch, was langfristige Hilfen angeht: "Es sind kaum soziale Netze oder Arbeitslosenstrukturen vorhanden." Auch wenn es in der Karibik deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern gibt, Geld für milliardenschwere Rettungspakete wie in den USA oder in Deutschland hat keines der Länder auf der hohen Kante. Der Internationale Währungsfonds (IWF) teilte erst Ende April mit, dass er der Dominikanischen Republik einen Hilfskredit über 650 Millionen US-Dollar bewilligt hätte. Die Aussichten für die Wirtschaft im Land für 2020 sähen demnach schlecht aus.

Die Menschen trifft das hart. Zwar arbeiten nicht alle direkt in Hotels, Gaststätten oder bei Reiseveranstaltern, dennoch sind auch die vielen Menschen in der Service-Industrie oder dem Handel indirekt betroffen: Fluglotsen genauso wie Handtuchverkäufer am Strand. Besonders letztere haben oft keine soziale Absicherung, sie arbeiten meist informell. Geschätzt schlagen sich fast die Hälfte der Einwohner der Dominikanischen Republik als fliegende Händler, Müllsammler oder Strandmasseure durch - ohne Arbeitsvertrag, ohne geregeltes Einkommen. Auch in normalen Zeiten ist ihr Einkommen prekär, doch durch das Ausbleiben der Touristen wird es noch schwieriger. "Wenn der Tourismus schließt, schließt hier alles", sagt Virigina Scuderi. Keine Gäste, keine Souvenirs, keine Verkäufe.  

Andere Wirtschaftszweige wie etwa die Industrie, die in den meisten Ländern der Karibik ohnehin nur gering ausgeprägt ist, könnten die Verluste durch die ausbleibenden Besucher nicht ausgleichen, schätzt Hoffmann. Vor allem, weil auch viele der großen Handelsschiffe nicht anlegen könnten.

Die Coronakrise legt die Abhängigkeit der Karibik vom Tourismus offen und zeigt die Risiken, die damit einhergehen.  "Auf einmal wird der kleine Bauer, der den heimischen Maniok anbaut und nicht das große Geld in der Tourismusbranche verdient, nicht mehr belächelt," glaubt Hoffmann. Die Karibik ist durch ihre starke Tourismusausrichtung extrem gefährdet durch externe Schocks auf dem Weltmarkt. Hinzu komme laut Hoffmann, dass die meisten Länder der Karibik stark von Importen aus dem Ausland abhingen, speziell von Lebensmitteln. Er plädiert deshalb darauf, dass sich die Wirtschaft in der Karibik diversifizieren müsse, um krisensicher zu werden. "Auch wenn es billiger ist, subventionierten Mais aus den USA zu importieren, müssen die Länder der Karibik auch wieder stärker auf eigene Lebensmittelproduktion setzen."

Gewitterwolken über der Karibik 

Krisen ist die Karibik gewöhnt: Der Satz "Bleiben Sie zu Hause" ist dort nicht neu. Die Inseln liegen in einem Epizentrum von Naturkatastrophen. Vor drei Jahren überschwemmte Hurrikan Irma Straßenzüge und riss Häuser ein. Die Coronakrise sei dennoch anders, meint Virginia Scuderi. "Der Hurrikan zieht vorbei." Es sei katastrophal, doch man wisse, dass sich vieles wieder wiederaufbauen lasse. Die Zukunft nach Corona ist jedoch völlig ungewiss.

Das Tourismusministerium der Dominikanischen Republik versucht sich optimistisch zu zeigen. Die Investitionen im Land würden trotz Krise nicht versiegen, heißt es in einem Schreiben. Die Realität könnte allerdings bitterer aussehen: Die OEC rechnet mit 275 bis 400 Milliarden Euro an Verlusten im weltweiten Tourismusgeschäft. Wenn die Grenzen wieder öffnen, wird es lange dauern, bis die Reiselust auf das Niveau vor der Krise zurückkehrt. Zumal der Internationale Währungsfonds die gewaltigste Rezession seit fast 100 Jahren vorhersagt. In den USA sind aufgrund der Pandemie bereits rund 33 Millionen Menschen arbeitslos, in Europa sieht es nicht viel besser aus. Das Geld für Fernreisen dürfte in den Ländern, aus denen ein Gros der Besucher der Karibik kommt, in diesem Jahr nicht ganz so locker sitzen. Hinzu kommt die Angst vor Corona.

Virginia Scuderi verlässt die Hoffnung dennoch nicht: "Die Lebensfreude hier ist einzigartig. Die Menschen in der Karibik sind sehr liebenswürdig". Die Touristen müssten einfach wiederkommen, sie haben es ja immer getan.

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