Honduras |

Interview: „Drei Männer haben versucht, mich lebendigen Leibes zu verbrennen“

Wir haben ein Interview mit Paola Flores, Transfrau aus Tegucigalpa, geführt, die die Transfrauen-Gruppe „Muñecas de Arcoíris“ koordiniert und auch selbst ein Opfer der massiven Gewalt wurde. Von der ist die gesamte LGBTI-Szene in Honduras betroffen – von Hass geprägte Gewaltverbrechen nehmen stetig zu.

Paola Flores (Foto: Markus Dorfmüller)

Blickpunkt Lateinamerika: Sie sind die Koordinatorin der „Muñecas de Arcoíris“. Was verbirgt sich hinter dem Namen?
 
Paola Flores: Ich leite die Gruppe von Transfrauen, die sich zusammengeschlossen hat, um für ihre Rechte in Tegucigalpa und Honduras einzutreten. Wir sind Teil von Arcoíris, treffen uns jeden Dienstag hier im Büro, sprechen unter uns über unser Probleme. Aber wir informieren uns gegenseitig und die Transfrauen, die sich draußen rund um den „Parque El Obelisco“ prostituieren, über unsere Rechte laut der Verfassung. Fast alle aus unserer Gruppe müssen sich prostituieren - eine Chance auf eine formale Arbeit in dieser Gesellschaft haben wir eigentlich nicht. 
 
Wie ist die aktuelle Situation von Transfrauen und Transmännern in Honduras?
 
Die Zahl der Crimenes de Odio, wie die Gewaltverbrechen aus niederen Motiven nennen, nimmt stetig zu. Prävention ist daher extrem wichtig und ein Motiv, warum wir uns regelmäßig treffen und in der Szene unterwegs sind. Wir klären auf, warnen und geben Tipps, wie sich frau schützen kann. Wir haben auch eine kleinen Sparfonds, aus dem wir Transsexuellen, die in Not geraten sind, helfen. Der wird aus Spenden bestritten. Viele Transsexuelle sind in Honduras von ihren Familien verstoßen worden. 
 
Was haben Sie persönlich für Erfahrungen gemacht?
 
Ich bin oft angegriffen, oft zusammengeschlagen worden. Doch einen Angriff hätte ich beinahe nicht überlebt: drei Männer haben mich versucht lebendigen Leibes zu verbrennen. Sie haben mir zuhause aufgelauert – ich muss die Tür nicht richtig geschlossen haben als ich nach Hause kam. Als ich von der Toilette kam, standen sie in dem Raum, der mein persönliches Reich ist, wo ich mich sicher fühlte. Sie haben mir das Recht auf Leben verweigern wollen, mich brutal zusammengeschlagen, ich habe mich mit allen was ich hatte, gewehrt, um mein Leben gekämpft. Sie haben Benzin über mir ausgekippt, ich habe nur knapp überlebt. Zwei Monate lag ich im Koma, neun Monate im Hospital. Das was mir passiert ist, kann auch allen anderen passieren und deshalb kämpfe ich, damit es nicht passiert. Dass unsere Rechte endlich akzeptiert werden. Ich bin das beste Beispiel dafür, wie gefährlich es in Honduras ist. 
 
Wann war das?
 
Im Juni 2009, ich war lange traumatisiert. Ich bin, nachdem ich leidlich wieder hergestellt war, ein Jahr nach Mexiko gegangen, wo es etwas sicherer ist, aber strukturell nicht viel anders als hier in Honduras. Unsere verfassungsmäßigen Rechte werden auch dort nicht akzeptiert – zumindest nicht von allen und die Polizei ist auch keine große Hilfe. Also bin ich zurückgekommen und habe angefangen bei Arcoíris aktiv zu werden.
 
Derzeit bereiten sie eine Musterprozess vor – warum und was soll der bewirken?
 
Wir wollen anhand eines realen Gewaltdelikts, einer Vergewaltigung oder einem Mord aufzeigen, wie die Ermittlungsbeamten, die Forensiker, Staatsanwälte und das Gericht vorgehen sollte. Derzeit sprechen wir mit Anwälten, Polizeibeamten und Juristen darüber, bereiten einen Musterprozess vor, wollen die Verhandlung auch filmen und ins Netz stellen, um anhand eines konkreten Beispiels zeigen, wie es laufen sollte. 
 
Klingt aufwendig, wer finanziert ein derartiges Projekt?
 
Wir rechnen auf Gelder aus einem EU-Justiz-Fonds, die sind beantragt. Aber derzeit sind uns die Hände gebunden, denn eine regelmäßige Förderung für unsere Arbeit fehlt. Honduras liegt nicht gerade im Fokus der Aufmerksamkeit.
 

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