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Haiti: Zehn verlorene Jahre

Haiti hat aus dem verheerenden Erdbeben von 2010 nichts gelernt. Experten sind sich einig: Eine vergleichbare Katastrophe ist jederzeit möglich und die Konsequenzen wären schwerer als zuvor.

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Frantz und Marie-Fleur Charlestin mit ihren Töchtern vor ihrer Hütte in Canaan, Haiti. Foto: Klaus Ehringfeld

Arnold Antonin lässt den Blick über Port-au-Prince schweifen. Mit ausgestrecktem Arm zeigt er auf kaum erkennbare Wellblechdächer, enge kleine Ansiedlungen, atemberaubend am Hang klebende Hütten. „Da, da und da“, sagt er und seine Miene verfinstert sich. „Überall sind die Slums wieder entstanden“. Von hier oben, hoch über der haitianischen Hauptstadt, erschließt sich dem ungeübten Auge der bauliche Wahnsinn nicht sofort. Aber Antonin, 77 Jahre alt und Aktivist für eine verantwortliche Architektur, blickt täglich von der Terrasse seines Hauses auf seine Stadt herunter. Und was er sieht, was er in den vergangenen zehn Jahren mit ansehen musste, lässt ihn fast Verzweifeln. 

„Wir hatten die Chance, Port-au-Prince klug und nachhaltig neu zu erschaffen“, sagt der agile Mann mit Brille und Bart „Und? Was ist daraus geworden?“ Er lässt die Frage einen Moment in der karibischen Schwüle stehen. „Bidonvilisation“, sagt er dann. „Verslumung.“ Es ist ein Wort, das man in diesen Tagen in fast jedem Gespräch mit den Menschen hört, mit denen man über die Jahrhundertkatastrophe vor zehn Jahren spricht. Antonin, im Hauptberuf Filmemacher und nebenbei Vertreter der kleinen haitianischen Zivilgesellschaft, hat schon vor 2010 vor dem gewarnt, was am Nachmittag des 12. Januar tatsächlich passierte: ein massiver Erdstoß von 37 Sekunden, vertikal und horizontal, der die Dreimillionenstadt in Trümmer legte. Er hat sogar einen Film darüber gedreht: „Haïti Apocalypse Now – Chronik einer angekündigten Katastrophe.“ Schließlich sitzt die Stadt auf einer Nahtstelle der Erdplatten. 

Weltweite Solidarität und Milliarden verpufften

Und wenn die Erde jetzt wieder so beben würde wie vor zehn Jahren, orakelt Antonin: „Dann wären die Folgen noch schlimmer.“ Die apokalyptische Zerstörung löste damals in kurzer Zeit große weltweite Solidarität aus. Helfer fluteten die kleine Karibikrepublik, Milliarden flossen. Vorsätze wurden gefasst, Versprechen gemacht. Aber zehn Jahre später ist von alldem nichts mehr zu sehen. Port-au-Prince, die chaotische, zerklüftete und überfüllte Hauptstadt, sieht fast wieder so aus wie am Vorabend der Naturkatastrophe, die 220.000 Menschen in den Tod riss und 2,3 Millionen Haitianer obdachlos machte. 

Die Zeltstädte für die Obdachlosen, die über Jahre das Bild vom Port-au-Prince dominierten, sind nicht mehr da. Hier und da steht noch die Ruine einer Kirche, manchmal haust eine Familie noch unter der Plane einer Hilfsorganisation einfach so auf dem Bürgersteig. Dafür sieht man wieder die gleichen Slums wie vor dem Beben, die waghalsig an die Hügel gebauten Wellblech- und Holzhütten. Nur ist Port-au-Prince voller als damals, alles ist noch enger, der Verkehr noch dichter, die Bidonvilles noch größer. 

Haiti - eines der ärmsten Länder der Welt

Das Jahrhundertbeben scheint nach zehn Jahren aus dem Bewusstsein der Haitianer verschwunden. Zu sehr sind die Menschen damit beschäftigt, das tägliche Überleben zu sichern. Die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung hat keinen Job, kann sich bestenfalls zwei Mahlzeiten am Tag leisten. Heute wie damals ist Haiti, das sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt, eines der ärmsten Länder der Welt. Auf dem UN-Entwicklungsindex belegt die Karibikrepublik Platz 169 von 174 Staaten, noch hinter dem Sudan. 

„Wir hätten eine gerechtere Gesellschaft schaffen können, geordnet, mit Chancen für alle und vor allem ökologisch - ein neues Haiti“, bedauert Arnold Antonin. Stattdessen sind Orte wie Canaan entstanden. In dem Ort, 30 Kilometer außerhalb von Port-au-Prince, bündeln sich alle Fehler nach dem Beben wie unter dem Brennglas. Canaan wurde als Auffanglager für diejenigen gegründet, die das Beben zu Obdachlosen machte. Daraus ist eine wild wuchernde Stadt entstanden, die sich mittlerweile bis in die kahlen Hügel am Rande von Port-au-Prince entlang der Nationalstraße 1 frisst. 

Canaan hat keinen Anfang und kein Ende, kein Zentrum und keine Peripherie. Es hat einen Gesundheitsposten ohne Ärzte, eine Polizeistation ohne Polizisten und Straßen ohne Asphalt. Es ist eine Ansammlung von Hütten, Häusern und Verschlägen, aber vor allem von evangelikalen Kirchen und Lottobuden. Wer in Canaan angekommen ist, dem bleibt nur noch, auf Glück oder Gott zu hoffen. Der Ort, der so gar nichts mit seinem biblischen Namensgeber gemein hat, ist mit seinen geschätzt 300.000 Einwohnern eines der größten Armenviertels Haitis. Während im biblischen Kanaan Milch und Honig flossen, fließt im haitianischen Canaan nicht einmal Wasser. 

Notunterkünfte entwickelten sich zu neuen Armenvierteln

Auch nicht bei Familie Charlestin, die irgendwo in diesem Labyrinth des Elends eine kleine grüne Hütte bewohnt. Vater Frantz ist Automechaniker, seine Frau Marie-Fleure hütet die Hütte und die drei kleinen Töchter. In der Unterkunft, kleiner als ein Kiosk, stehen Motorteile, ein Koffer, der als Kleiderschrank dient, ein großes Bett, in dem die Familie schläft. Auf einem kleinen Holzkohle-Kocher in einer Ecke köcheln Erbsen. 

„Der Staat hat uns vergessen“, sagt Vater Frantz schüchtern. „Und die internationalen Hilfsorganisationen sind auch schon seit Jahren weg“, schiebt er leise nach. Als Gelegenheits-Schrauber verdient er umgerechnet 200 Dollar im Monat. Zu wenig Geld für eine fünfköpfige Familie, wenn man davon zum Beispiel noch das Trinkwasser bezahlen muss, das in großen Kanistern geliefert wird. Wie für fast alle Menschen hier ist das Provisorium auch für die Charlestins längst eine Dauerlösung geworden, aber keine Heimat. Seit April 2010 lebt die Familie in Canaan, alle drei Kinder sind hier geboren. Aber sie möchten lieber heute als morgen weg. Es gebe keine Arbeit, die Stadt sei weit, der Transport teuer. „Man hat uns aufgegeben“, sagt Vater Frantz. 

Vertane Chance

Das war nach dem 12. Januar 2010 noch ganz anders. Hunderte Hilfsorganisationen brachten Zelte, Essen, Chirurgen, Architekten, Trost und Missionare. Zeitweise übernahmen die NGOs das Land, zumal die Regierung, allen voran Präsident René Préval, einfach abgetaucht war. Vor allem die internationalen Helfer und die Zivilgesellschaft waren sich einig, dass in der Tragödie auch eine Chance liege, dass man Haiti nicht nur neu, sondern auch ganz anders wieder aufbauen müsse. Mit Struktur, Konzept und erdbebensicher, aber nicht wild, anarchisch, ungezügelt, vom Staat verlassen -  eben so wie in Canaan.

 

Nachhaltige Hilfe für Haiti
"Wer verhindern will, dass die Hilfe zur Beute der korrupten Eliten wird, muss die vertrauenswürdigen Partner an der Basis fördern", ist Adveniat-Referentin Margit Wichelmann überzeugt.
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