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Proteste legen Haiti lahm

Seit September blockieren in Haiti Menschen Straßen mit brennenden Reifen, Kabeln und über Nacht errichteten Mauern. Die Proteste bringen die Versorgung des ohnehin bitterarmen Landes zum Erliegen. 

Symbolbild: Protest in Haiti 2010. Foto: Ben Piven, Patriotic Demonstrator,CC BY-NC 4.0

Seit Wochen geht praktisch nichts mehr in Haiti: Der bettelarme Karibikstaat wird von Protesten erschüttert. Wieder einmal richtet sich die Wut auf die politische Klasse. Ziel der Proteste ist Präsident Jovenel Moise, dem es bislang nicht gelang, eine überzeugende Strategie für einen Ausweg aus der Dauerkrise zu finden.

Korruption und Misswirtschaft 

Schon im Februar forderte der Jesuit Jean Denis Saint-Felix die Konfliktparteien auf, sich an einen Tisch zu setzen: "Ein nationaler Dialog kann nicht warten." Das Land erlebe eine humanitäre Katastrophe und Unverantwortlichkeiten der politischen Führung.

Moise versuchte es mit einem Wechsel an der Spitze der Regierung, doch beruhigen konnte er die Lage damit nicht. Das liegt vor allem daran, dass es in Haiti auch zehn Jahre nach dem verheerenden Erdbeben vom Januar 2010 an allem fehlt. Korruption, Misswirtschaft und fehlende Führung lassen Haiti wieder mal im Chaos versinken.

Der Auslöser der aktuellen Proteste ist ein Korruptionskanal im Zusammenhang mit dem Strukturförderprogramm Petrocaribe, in den Präsident Moise verwickelt sein soll. Er soll Gelder veruntreut haben, die eigentlich für den Ausbau der Infrastruktur und soziale Programme bestimmt gewesen waren. "Dieser Skandal hat gezeigt, was allen klar war, dass die Korruption in Haiti omnipräsent ist," sagt die Referentin für Haiti des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat Margit Wichelmann. (Mehr zu den Hintergründen des Konflikts hören Sie in der Folge 173 von Hörpunkt Lateinamerika.) 

Hilfswerke in Alarmbereitschaft: Hunger nimmt zu in Haiti

Und die internationalen Hilfswerke schlagen Alarm: Die Welthungerhilfe stellte gemeinsam mit knapp 30 internationalen Hilfsorganisationen fest, dass der Hunger in Haiti wieder zunehme. Eine neue Studie der Vereinten Nationen und der haitianischen Regierung zeige, dass sich die Ernährungslage enorm verschlechtert habe und schon jetzt 35 Prozent der Bevölkerung dringend auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen seien. Die Organisationen befürchten, dass sich die Lage 2020 weiter zuspitzt und dann mehr als vier Millionen Menschen nicht mehr ausreichend zu essen haben könnten.

"Die Landwirtschaft spielt eine entscheidende Rolle in Haitis Wirtschaft, denn dort arbeitet die Hälfte aller Beschäftigten", sagt Mahamadou Issoufou-Wasmeier, Karibik-Regionaldirektor der Welthungerhilfe. Die Mehrheit der Kleinbauern habe aber weniger als zwei Hektar Land, um die Familien zu ernähren. Zudem sei Haiti von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. "Die ländlichen Gebiete sind von Abholzung und Entwaldung gekennzeichnet. Die Städte liegen an Küsten, Flüssen oder Berghängen, sodass Überschwemmungen und Erdrutsche immer wieder ganze Existenzen vernichten", so der Experte. Die Menschen hätten "keinerlei Ressourcen mehr", um die Notlage abzufedern.

Krankenhäuser droht Ende: Gesundheitsversorgung fragil

Nicht nur die Ernährungslage ist katastrophal: "Ärzte ohne Grenzen" berichtet über die schwierige medizinische Versorgung. In Port-au-Prince wurde jüngst ein neues Unfallkrankenhaus eröffnet. Mit dieser Klinik für Menschen mit lebensbedrohlichen Verletzungen reagierte die Organisation auf die sich verschärfende Gesundheitskrise. Die politische und wirtschaftliche Krise im Land behindere sämtliche Bereiche der medizinischen Versorgung. "Die Eröffnung des Krankenhauses war dringend notwendig. Aber das allein wird nicht reichen", sagt Jane Coyne, Landeskoordinatorin von "Ärzte ohne Grenzen" in Haiti. "Andere Krankenhäuser kämpfen gegen die drohende Schließung."

Die zunehmenden Probleme und Spannungen in Haiti erschweren medizinischen Einrichtungen die Patientenversorgung. Seit September gibt es regelmäßig Straßenblockaden mit brennenden Reifen, Kabeln und über Nacht errichteten Mauern. Das erschwert die Durchfahrt von Krankenwagen und die Versorgung medizinischer Dienste mit Treibstoff, Sauerstoff, Blut, Medikamenten und anderen Hilfsgütern.

Auch das Gesundheitspersonal ist betroffen. In den vergangenen Monaten war der Rettungsdienst wiederholt in Unfälle verwickelt. "Ärzte ohne Grenzen" musste täglich Hunderte Mitarbeiter zur Arbeit fahren, um die Versorgung in den Einrichtungen aufrechtzuerhalten. Konkrete Anzeichen, dass sich die heikle Lage bald entspannen könnte, gibt es zurzeit nicht.

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