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Rebellische Frauen und konservative Machos 

Zum Weltfrauentag demonstrieren Brasilianerinnen landesweit gegen gewaltsame Übergriffe auf Frauen. Symbol der Bewegung ist die vor einem Jahr in Rio ermordete Stadträtin Marielle Franco.

Feminismus, Weltfrauentag, Indigene

Ein Tenharin-Frau in Brasilien (Foto: Adveniat/Jürgen Escher)

Der Jubel der Mangueira-Sambaschule kannte am Mittwoch keine Grenzen. Soeben hatte man beim Karneval von Rio den Wettbewerb der Sambaschulen gewonnen - mit einer ganz speziellen Darbietung. Dabei ragte eine Frau heraus: Marielle Franco, die schwarze, lesbische und aus einem Armenviertel stammende Stadträtin, die vor fast genau einem Jahr regelrecht hingerichtet worden war. Nun wurde die populäre Aktivistin von Mangueira gefeiert. Franco war im diesjährigen Karneval einfach überall zu sehen. Sie steht symbolhaft für den Kampf der brasilianischen Frauen im Macho-Land Brasilien. "Ich bin nicht hier im Karneval, um zu feiern, sondern um ein politisches Statement abzugeben", sagte Francos Lebensgefährtin Monica Benicio, die an dem Umzug teilnahm. "Marielle und ich haben den Karneval stets als einen Raum des Widerstandes verstanden, und genau das werde ich hier machen."

Francos Konterfei auf Plakaten und T-Shirts wird auch beim "Weltfrauentag" an diesem Freitag omnipräsent sein. Auf landesweiten Demos will man auf die zunehmende Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. Seit den Zeiten der Sklaverei betrachteten viele Männer in Brasilien die Frauen, besonders die dunkelhäutigen, als ihr Eigentum, mit dem sie machen könnten, was sie wollten, so die schwarze Journalistin Flavia Oliveira. "Die Gewalt gegen diese Gruppe hat in den vergangenen Jahren zugenommen, und das scheint mir angesichts der aktuellen konservativen Welle kein Zufall zu sein", meint Oliveira. Brasilien hat zuletzt einen Rechtsruck erlebt; unterstützt durch ultrakonservative Pfingstkirchen kam der Rechtsextremist Jair Messias Bolsonaro ins Präsidentenamt.

Homophober Sexist

Der Ex-Fallschirmjäger wurde durch verbale Attacken gegen Randgruppen, besonders gegen Frauen, bekannt. Sie sei zu hässlich, um von ihm vergewaltigt zu werden, beschimpfte er etwa vor Jahren eine Parlamentskollegin. Die Proteste gegen ihn im Wahlkampf unter dem Slogan "Ele nao" (Er nicht), gelten als die größten Frauen-Demos in Brasilien überhaupt. Bolsonaros Anhänger verhöhnten derweil die Frauenbewegung, Kandidaten seiner Partei zerrissen vor Kameras Schilder mit Marielle Francos Namen. Der Präsident sei ein schlechtes Vorbild, kritisiert Oliveira. "Neu und besonders gefährlich ist, dass so jemand, wenn er an der Macht ist, eine Art Mandat für solches Verhalten ausspricht." Das von Bolsonaro verkündete "Ende des politisch Korrekten" sei als Angriff auf die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte - wie die Gleichberechtigung der Geschlechter - zu verstehen.

Im Jahr 2018 nahm die Gewalt gegen Frauen um rund 30 Prozent zu. Und 2019 begann mit einer Reihe schockierender Gewalttaten. Im Hinterland von Sao Paulo stach ein Ehemann zwanzigmal auf seine Frau ein, mit der er vier Kinder hat. Er sei eifersüchtig gewesen, gab er an. In Rio prügelte ein Kampfsportler stundenlang auf eine wehrlose Frau ein, weil ein Date offenbar nicht zu seiner Zufriedenheit verlief. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) spricht längst von einer "Epidemie" der Gewalt gegen Frauen. Die Justiz komme nicht hinterher; bis Anfang 2018 hätten sich landesweit 1,2 Millionen unbearbeiteter Fälle angesammelt. Zwar habe Brasilien mit dem 2006 erlassenen Gesetz "Maria da Penha" ein vorbildliches Instrument im Kampf gegen häusliche Gewalt. Allerdings hapere es bei der Umsetzung.

Gesetz gegen Femizid

2015 wurde zudem ein Gesetz gegen den "Femizid", also die Tötung von Frauen, erlassen. Es betrifft die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts. Allein für 2017 geht HRW von mindestens 1.333 "Frauenmorden" aus. "Das Gesetz allein ändert kein Verhalten; Bildung ist das wirksamste Instrument", sagt Samira Bueno, Direktorin des "Brasilianischen Sicherheitsforums". Den Frauen geht es aber auch um mehr Anerkennung in dem männlich dominierten Land. Zwar stieg die Zahl der weiblichen Parlamentarierinnen von zehn (2014) auf nun fünfzehn Prozent (2018). Aber ausgerechnet Bolsonaros Partei stellte reihenweise Frauen nur zum Schein auf, um die gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent zu erreichen.

Bolsonaro selbst zeigt sich nicht besonders offen für die weibliche Agenda. Gleiche Löhne für Männer und Frauen? Da könne er nichts machen. Sein Kabinett wird von weißen Männern dominiert, auch die junge Ehefrau Michelle - bereits seine dritte Gattin - bleibt im Hintergrund. Lieber umgibt er sich mit seinen drei erwachsenen Söhnen - allesamt Berufspolitiker wie er.

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