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Mütter getöteter Jugendlicher eröffnen Gedenkausstellung

Mit persönlichen Gegenständen wollen sie an ihre Kinder erinnern. Die "Mütter des April" haben in Managua eine Ausstellung für die im April 2018 getöteten Demonstranten eröffnet. Ein virtuelles Museum soll folgen.

Nicaragua Adveniat Lateinamerika Protest

„Bringt uns nicht um – Freies Nicaragua“ steht auf dem Transparent der demonstrierenden Jugendlichen, die am 28. Juli 2018 zur Unterstützung der von der Regierung bedrohten Bischöfe in Managua auf die Straße gingen. Foto: Adveniat/Klaus Ehringfeld

Großformatige Fotos mit den schwarz-weißen Gesichtern von etwa 70 Jugendlichen hängen von der Decke. Mal lächelnd, mal ernst schauen sie dem Betrachter entgegen. An den Wänden sind Pflastersteine zu Altären aufgestapelt - sie sehen aus wie Barrikaden. Auf ihnen sind persönliche Gegenstände der Opfer abgelegt, wie zum Beispiel Kleidung, Lieblingsbücher oder Spielzeug.

Die Ausstellung am Historischen Institut der Universität UCA in Managua ist seit dem 30. September öffentlich zugänglich. Initiiert wurde das Projekt von den "Müttern des April", einem Zusammenschluss von Familienangehörigen der Opfer, die bei den Protesten gegen die Regierung von Daniel Ortega im April 2018 getötet wurden. Die Ausstellung in der Universität ist nur der erste Schritt. Geplant ist eine Plattform im Internet mit Text und Videomaterial. In einer Datenbank sollen Fotos, Videos und Interviews gesammelt werden und den Opfern der Proteste ein Gesicht geben. Die Absicht der Organisatoren ist es, das Narrativ der Regierung von den "kriminellen Demonstranten" zurechtzurücken. Stattdessen sollen die Opfer auf diese Weise "geehrt und gewürdigt" werden.

Erinnerung wachhalten

"Es ist ein Projekt der Liebe gegen das Vergessen", sagt die Leiterin der Gedenkstätte Emilia Yang. "Die Mütter fragten sich, was sie mit ihrem ganzen Schmerz machen sollten. Die Antwort war klar: Wir werden ihn sammeln und mit Nicaragua und der ganzen Welt teilen, als Teil unseres Kampfes für Gerechtigkeit und Wahrheit", sagt Emilia Yang. In der ersten Phase wurde die Dokumentation für rund 70 Opfer zusammengetragen, die in weiteren Schritten ergänzt werden soll.

Nach Angaben der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) starben bei den Protesten 328 Menschen, mehr als 2.000 wurden verletzt, rund 800 wurden inhaftiert, und etwa 70.000 sind wegen "staatlicher Unterdrückung von Protesten" ausgewandert. Präsident Daniel Ortega behauptet jedoch, dass die sozialen Proteste von 2018 ein "gescheiterter Putschversuch" waren, und beschuldigt die CIDH und die Vereinten Nationen, "voreingenommene Berichte" über die schwere politische Krise des Landes erstellt zu haben. Laut Angaben der Regierung gab es "nur" 200 Opfer, darunter 22 Polizisten.

"Da die Regierung die Einrichtung einer Gedenkstätte zur Erinnerung an die Toten nicht zulässt, sind wir auf die Idee einer virtuellen Plattform gekommen, die kostenlos und jederzeit von überall auf der Welt verfügbar ist, sagt die am Projekt beteiligte Historikerin Margarita Vannini, gegenüber DW.

Persönliche Schätze

Im Raum der Ausstellung in der Universität hält Lisseth Davila vor der kleinen Barrikade aus Pflastersteinen an und holt tief Luft. Auf einem der Steine liegt angelehnt das Skateboard ihres Sohnes Álvaro. Der 15-jährige starb durch eine Schusswunde am Hals, als er Wasser an die protestierenden Studenten verteilte. "Ich warte immer noch auf die Wahrheit und die Gerechtigkeit, denn das Wertvollste in meinem Leben wurde mir genommen", sagt die Mutter.

Der Rundgang um die Altäre aus Pflastersteinen ermöglicht den Blick auf Diplome, Schuhe, Briefe, Brillen, Musikinstrumente oder Lieblingshemden der verstorbenen, meist sehr jungen Studenten. "Es ist sehr aufwühlend für mich, das alles zu sehen", sagt Francisca Machado, Mutter des 24-jährigen Francisco Valdivia, Vater eines vierjährigen Mädchens. Sie betrachtet schweigend die Barrikade, in der einige der Objekte ihres Sohnes ausgestellt sind: ein Baseball, seine Tennisschuhe, ein Tischlermaßband und sein Lieblingsbuch "Les Misérables" von Victor Hugo.

"Diese Ausstellung zeigt uns ihr Leben und hilft uns dabei, sie nicht zu vergessen, und ihr Andenken zu schützen. Es sind auch Beweise, die uns dabei helfen sollen, die Gerechtigkeit einzufordern, die wir so sehr brauchen. Nur dann können wir nach vorne schauen, mit Schmerzen, aber mit ein wenig Frieden", fügt Francisca Machado hinzu.

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