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Kinderprediger wirbt für Präsident Bolsonaro

Der kleine Joao Vitor hat eine Mission: Er predigt für Gott - und Brasiliens Präsidenten. Bolsonaro und den Jungen eint nicht nur das Bekenntnis als evangelikale Christen.

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Gläubige beim Gottesdienst in einem Tempel der "Igreja Universal do Reino de Deus" im Stadtzentrum von Manaus, Brasilien. Foto: Adveniat/Achim Pohl

Das Mikrofon scheint größer zu sein als der zarte Körper, der es hält. Wild gestikulierend schreit Joao Vitor hinein, es geht um "Satan", den "Teufel" und "Gott". Mit der linken Hand haut er auf das Rednerpult, das er nur erreicht, wenn er auf die Fußbank steigt. Doch meist fegt er sowieso wie ein Derwisch durch die Kirche, gerne mit der Bibel in der Hand. Die Zuhörer weinen, strecken ihre Arme in die Höhe. "Gelobt sei Gott!" Der kleine Junge mit dem dunklen Anzug und der Krawatte ist eine Naturgewalt. Ein Prophet, wie ihn seine Anhänger im Internet nennen. Oder schlicht "Gottes Junge". "Du hast Dich verloren in dieser Welt, Du bist auf dem falschen Weg!", ruft er einer weinenden Frau in einem Video zu. Dann nimmt er sie in den Arm. "Du verlierst Dich mit falschen Freunden und Dingen, die nicht für Dich bestimmt sind."

Evangelikale Kirchen unterstützen Bolsonaro

Was für ihn selbst bestimmt ist, scheint Joao Vitor früh klar geworden zu sein. Seine Familie hat ein Video veröffentlicht, auf dem der damals Vierjährige auf dem heimischen Sofa Geschichten aus der Bibel erzählt. Seit seinem sechsten Lebensjahr predige er in evangelikalen Kirchen der Metropole Sao Paulo, berichten Medien. Nun, mit zehn Jahren, reist er sogar durch Europa, um das Wort Gottes zu verbreiten. Seine Instagram-Timeline zeigt ihn vor dem Pariser Eifelturm oder in einem brasilianischen Supermarkt in London. Und sie zeigt Fotos von Brasiliens rechtsextremen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro. "Mein Präsident", kommentiert Joao Vitor die Fotos des Ex-Militärs beim Staatsbesuch in Israel, wo er vor der Klagemauer steht. "Das ist die beste Allianz!", schreibt er neben ein Foto von Bolsonaro und US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus. Bolsonaro sei gegen Verbrecher und gegen die Abtreibung, so Joao Vitor. Brasilien könnte ein besseres Land durch ihn werden, sagte er vor einigen Monaten in einer Fernsehreportage.

Der Katholik Bolsonaro hatte sich 2016 von einem evangelikalen Prediger im Jordan taufen lassen. Die Unterstützung der evangelikalen Großkirchen hatte ihm dann im Oktober zum Wahlsieg verholfen. Auch in Brasilien gab es einen konservativen Rechtsruck. Und wie in den USA sind die Evangelikalen treibende Kraft dahinter. Seitdem sieht man Bolsonaro regelmäßig in evangelikalen Tempeln, und seine Reden sind mit Bibel-Zitaten gespickt. Bibelfest wie Joao Vitor ist er jedoch nicht, er verhaspelt sich gerne. Es wirkt bei dem schlaksigen Präsidenten eher wie schlecht einstudiert.

Predigen als Geschäftsmodell

Joao Vitor kann das besser, er ist ein brillanter Redner, der sämtliche rhetorischen Register zieht. Und genau wie bei Bolsonaro vermischt sich das Glaubensbekenntnis mit deftigem Nationalismus. "Es reicht nicht, die Nationalhymne zu singen. Lasst uns offen sagen, dass Brasilien einen Herrn hat, Jesus", verkündet der kleine Prediger auf Instagram. Joao Vitor stammt aus dem armen Osten der Industriemetropole Sao Paulo. Sein Vater Leo und die Mutter Adriele sind ebenfalls Prediger. Sein Bruder Davi habe auch als Kind mit dem Predigen begonnen, erzählen die Eltern. Jetzt begleitet er den Bruder als Musiker bei dessen Auftritten. Auch die kleine Schwester Esther greift in den Kirchen gerne zum Mikrofon

"Buchen Sie Joao Vitor, in seiner Agenda ist noch Platz", verkünden seine Sozialen Netzwerke. Neben der Telefonnummer steht eine Kontonummer. Darüber können Kirchgänger ihre Spenden der Familie zukommen lassen. Anhänger hat der kleine Predigerstar mittlerweile viele, laut eigenen Angaben mehrere hunderttausend Follower im Internet. "Gott, schicke mehr Kinder auf die Welt, denn die Mehrheit der Erwachsenen lässt sich korrumpieren", schreibt einer seiner Fans. "Aus dem Mund der Kinder kommt die wahrhaftige Botschaft", so ein anderer.

"Ich bin der Beginn einer neuen Generation"

Bekannt wurde der Junge, als er 2018 in dem riesigen Tempel der "Assembleia de Deus" in Sao Paulo predigte. Zu einer Nachtzeit, in der Kinder in seinem Alter eigentlich schlafen sollten. "So wie es nicht normal ist, dass ein Erwachsener sich wie ein Kind aufführt, ist es seltsam, wenn sich ein Kind wie ein Erwachsener benimmt", kritisierte der bekannte evangelikale Prediger Josue Goncalves damals die Auftritte Joao Vitors. Doch nach Anfeindungen im Netz löschte der Prediger seine Kritik rasch. Darf jemand in diesem Alter überhaupt predigen, und wenn ja, für Geld? Im Internet gehen die Diskussionen hin und her. "Kinder in dem Alter verdienen sich mit Drogenhandel Geld. Aber Predigen für Geld soll verboten sein?", so eine Anhängerin. Jesus habe erst mit 12 Jahren gepredigt, kontert ein anderer. Aber Joas wurde bereits mit sieben Jahren zum König von Juda erklärt (um 800 v. Chr.), so die Replik.

Joao Vitor selbst ist sich seiner Aufgabe offensichtlich bewusst. "Ich bin der Beginn einer neuen Generation", verkündet er auf Instagram.

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