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Illegal angezapfte Pipeline geht in Flammen auf

An einer defekten Pipeline werden Schweißarbeiten durchgeführt. Foto (Symbolbild): Adveniat/Martin Steffen

An einer defekten Pipeline werden Schweißarbeiten durchgeführt. Foto (Symbolbild): Adveniat/Martin Steffen

Freitagnachmittag gegen 17 Uhr im zentralmexikanischen Tlahuelilpan:  Eine whatsapp-Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: „Ein Leck in der Pipeline!“ Mexikos Mafia hatte wieder einmal versucht, Treibstoff anzuzapfen, musste aber vor den Soldaten fliehen, die Präsident Andres Manuel López Obrador im Kampf gegen die Benzinpiraten mobilisiert hat. Tlahuelilpan, ein ärmliches Bauerndorf,  wittert seine Chance: Hunderte laden Kanister in ihre Autos und fahren los, um sich gratis mit Benzin zu versorgen. Brian kommt zusammen mit seiner Mutter und einem Freund gegen halb sechs an, wie er dem Portal „Eje Central“ erzählt: „Es war wie ein Fest, rund 500 Leute waren da, viele mit Kindern.“ Die Soldaten, 25 an der Zahl, versuchen, die Anwohner fernzuhalten und weisen sie auf die Explosionsgefahr hin, werden aber ignoriert. ”Sie baten uns, wenigstens die Handies auszumachen und die Autos weiter weg zu parken“, erzählt Brian.

Leitung explodiert: 73 Tote und 74 Verletzte

Einigen geht es zu langsam; es gelingt ihnen, das Loch zu vergrößern. Aus dem Strahl wird ein sprudelnder Springbrunnen, der die Umstehenden buchstäblich in Benzin badet. Viele lachen und hüpfen– trotz des penetranten Gestanks. Der Staatskonzern Pemex ist inzwischen ebenfalls alarmiert und schließt die Ventile. Doch der Druck sei zu groß, sagt später ein Sprecher. Kurz vor sieben entzündet sich der Treibstoff aus zunächst ungeklärter Ursache; die Flammen schlagen im Bruchteil einer Sekunde meterhoch in die Höhe. Die Umstehenden rennen schreiend davon und springen in einen Bach, viele verbrennen bei lebendigem Leib.“Es war ein furchtbarer Anblick“, erzählt Brian. Viele Leichen sind bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. 73 Tote zählen die Behörden bis Samstagabend und 74 meist schwer Verletzte. Auch Kinder und Frauen sind darunter, vor allem aber junge Männer, die erhofften, sich ein Zubrot zu verdienen.

Mafia besitzt paralleles Vertriebsnetz

Seit López Obrador vor drei Wochen der Benzinmafia den Kampf angesagt hat, herrscht in vielen Regionen Mexikos Benzinknappheit, auch in Tlahuelilpan im Bundesstaat Hidalgo - wegen der nahegelegenen Raffinerie eine der Hochburgen der Benzinmafia. Rund 30.000 Fass Benzin werden täglich durch die Pipeline gepumpt. Sie gehört zu den am meisten angezapften Mexikos. „Der Benzinraub und mit ihm die Morde haben in den vergangenen zwei Jahren in der Gegend stark zugenommen“, sagt der dort lebende Journalist Fernando Rodriguez vom Sender Foro TV. „Du schickst der Bande eine Nachricht, und sie liefert dir das Benzin frei Haus.“ An den offiziellen Tankstellen kaufe niemand mehr, und fast jeder habe ein Familienmitglied, das mit im Geschäft sei.

Gut ein Drittel der Produktion des Staatskonzerns wird angezapft und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Dadurch entsteht ein Schaden von umgerechnet drei Milliarden Euro jährlich. Die Mafia zapft nicht nur Pipelines an, wie die Journalistin Ana Lilia Pérez recherchiert hat. Sie kontrolliert Bohrlöcher- und Plattformen, presst Zulieferern Schutzgeld ab, besitzt Tankstellen, schmiert Politiker und hat im Staatskonzern Pemex ein paralleles Vertriebsnetz infiltriert.

AMLO bleibt im Kampf gegen die Benzinmafia hart

Nach einem Besuch am Unglücksort kondolierte Präsident López Obrador den Angehörigen und versprach eine lückenlose Aufklärung. Von seiner Strategie werde er aber nicht abrücken. „Diese Tragödie zeigt, dass der Benzinraub aufhören muss. Er hat sich ausgebreitet, weil die Menschen keine andere wirtschaftliche Alternative haben”, sagte López Obrador. Auf Vorwürfe, die Streitkräfte hätten die Umstehenden gewähren lassen, antwortete er: „Wir gießen kein Öl ins Feuer. Gewaltanwendung führt zu nichts. Wir werden die Menschen überzeugen. Das Volk ist ehrlich, aber arm“, sagte der linksnationalistische Staatschef, der seit Anfang Dezember regiert. Er hat Stipendien, Renten und Arbeitsplätze versprochen. Einer Umfrage zufolge unterstützen 79 Prozent der Mexikaner seine Strategie im Kampf gegen die Ölmafia.

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