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Brasilien: Eine evangelikale Drogenbande macht sich in Rio breit

Ein Drogengangster mit religiösem Sendungsbewusstsein hat in Rio de Janeiro mehrere Viertel unter seine Herrschaft gebracht. Aus dem mit einem Davidstern markierten Gebiet gibt es Berichte über Gewalt gegen Andersdenkende.

Brasilien Rio Drogenbanden Favela

In vielen Favelas in der brasilianischen MIllionenmetropole Rio de Janeiro haben Drogenbanden das Sagen. Foto (Symbolbild Favela Vidigal in Rio): Adveniat/Christina Weise

Aaron ist 34 Jahre alt und seit einigen Wochen Herrscher über rund 134.000 Einwohner von Rio de Janeiro. Sein aus fünf Stadtvierteln in der armen Nordzone bestehendes Reich nennt er den "Israel-Komplex". Die Errichtung seiner Herrschaft wurde wohl nur möglich, weil den Spezialeinheiten zur Drogenbekämpfung derzeit angesichts der Corona-Pandemie die Hände gebunden sind.

Aaron heißt eigentlich Alvaro Malaquias Santa Rosa, auch bekannt als "Peixao", der "große Fisch" - nach dem von den Urchristen als Erkennungszeichen benutzten Fischsymbol. Sein Stellvertreter hat ebenfalls einen biblischen Namen, Jeremia. Ihnen untersteht die "Truppe von Aaron": schwer bewaffnete Drogengangster, die sich seit gut zehn Jahren in Rios Nordzone ausbreiten. Nun haben sie die vollständige Kontrolle über die Viertel Cidade Alta, Vigario Geral, Parada de Lucas, Cinco Bocas und Pica-pau übernommen.

Um ihr Gebiet vor rivalisierenden Banden und der Polizei abzusichern, hat die Aaron-Truppe Straßen blockiert. Zudem haben sie ihr Gebiet mit religiösen Symbolen und dem Schriftzug "Amor e paz" (Liebe und Frieden) gekennzeichnet. So weht an strategischen Punkten die israelische Flagge; auf einem Wasserturm installierten sie einen Davidstern aus blauen Neonröhren.

Mit Bibel und Maschinengewehr

Evangelikale Drogengangster sind in den Armengebieten Rios nichts Neues. Oft handelt es sich um Kriminelle, die im Gefängnis bekehrt wurden. Dass sie dort überlebt haben, schreiben sie ihrem neu gewonnenen Glauben zu. Wieder auf freiem Fuß, bringen sie die "fromme Botschaft" in ihre Viertel; mit der Bibel in der einen und dem Maschinengewehr in der anderen Hand.

Die Verehrung von Symbolen des Staates Israel findet sich bei vielen evangelikalen Gruppen, auch bei Großkirchen wie der "Universal" mit ihrem "Salomon-Tempel" in Sao Paulo. Auch die Anhänger von Staatspräsident Jair Messias Bolsonaro zeigen oft die israelische Flagge. Hinter der Unterstützung Israels steht das aus der Bibel abgeleitete Endzeitversprechen, wonach Jesus auf die Erde zurückkehre, sobald das jüdische Volk wieder das Heilige Land in Besitz nimmt.

Evangelikale Drogenbanden haben sich von der Nordzone in die "Baixada Fluminense" ausgedehnt, Rios Peripherie. Unbehelligt von der Polizei nehmen Gangster an Kulten teil und zahlen ihren Kirchenzehnten. Der Aufstieg der "Narcopentecostais", der "Drogen-Pfingstler", hat die ohnehin schon unübersichtliche Gemengelage in Rio noch komplizierter gemacht.

Religiöse Diskriminierung

Die Bevölkerung leidet seit Jahren unter den Kämpfen rivalisierender Drogenbanden. Dazu kommen noch mafiagleiche Milizen aus korrupten Polizisten, Soldaten und Feuerwehrmännern. Mit den "Narcopentecostais" hält nun auch noch die religiöse Diskriminierung Einzug in die Armenviertel.

Besonders Anhänger der afrobrasilianischen Religionen Candomble und Umbanda, einer Mischung aus Spiritismus mit afrikanischer Naturreligion, sind Ziel der predigenden Gangster. Berichte über Zerstörungen von Kultstätten und die Vertreibung von afrobrasilianischen Priestern nehmen zu. Allein 2019 wurden in Rio etwa 200 Kultstätten nach Drohungen oder Attacken durch Drogenbanden geschlossen.

Im neu errichteten "Israel-Komplex" soll sich die Intoleranz des "Staatsgründers" Aaron nun auch gegen die Brasiliens nach wie vor größte Konfession ausdehnen, die katholische Kirche. Katholiken sollen bedroht und eine Statue der heiligen Hedwig von Andechs zerstört worden sein. Auf Mauern hinterließen die Gangster ihre Botschaft: "Jesus herrscht hier."

Polizei ist machtlos

Aaron und seine Gang belassen es nicht bei Drohungen. Acht Bewohner der Region wurden laut Medienberichten bereits hingerichtet; von mindestens sieben weiteren fehle jede Spur. Die Polizei ist derzeit weitestgehend machtlos. Nachdem die Zahl der bei Einsätzen in Favelas von der Polizei getöteten Bewohner in den ersten Corona-Wochen stark gestiegen war, hat der Oberste Gerichtshof Einsätze der Spezialeinheiten dort stark eingeschränkt. Es war ein Freifahrtschein für Aarons Truppe.
 

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