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Rio wird zu Brasiliens Corona-Brennpunkt

In Rio de Janeiro steigt die Zahl der Corona-Toten rasant. Die Krankenhäuser sind am Anschlag, während es an Personal und Medikamenten mangelt. Drogenbanden übernehmen die Kontrolle. Der Präsident macht derweil Freizeit.

Die dicht besiedelten Favelas in Rio de Janeiro, Brasilien, werden zu einem Infektionsherd für das Coronavirus.

In den Favelas leben die Menschen dicht gedrängt, sodass sich das Coronavirus schnell verbreiten kann. Foto (Favela Morro dos Cabritos in Rio de Janeiro): Adveniat/Florian Kopp

"Wer nicht hören will, muss fühlen!" In den Armenvierteln von Rio ordnen Drogenbanden derzeit Ausgangssperren an. Sie verschicken WhatsApp-Nachrichten und lassen Autos mit Lautsprechern klare Ansagen verkünden: Niemand darf nach 20.00 Uhr auf der Straße sein; tagsüber sind nur Gänge zum Supermarkt erlaubt. Mit Maske. "Da ihr die Anweisungen der Behörden nicht befolgt, werdet ihr ab heute unsere Anweisungen befolgen."

Drogenbanden verkünden Ausgangssperren

Rios Gouverneur Wilson Witzel und Bürgermeister Marcelo Crivella rufen die Bürger seit zwei Monaten auf, daheim zu bleiben. Mit überschaubarem Erfolg. Längst trinken die "Cariocas", Rios Bewohner, wieder ihr Bierchen auf den Mauern der Strandpromenade; man sieht Badende im Meer und sich sonnende Menschen am Strand. Die Polizei schaut zu, statt Strafzettel zu verteilen.

Ausgerechnet jetzt, wo viele Menschen der Isolation überdrüssig werden, gewinnt die Pandemie in Rio an Fahrt. In der vergangenen Woche sprang die tägliche Opferzahl von rund 100 Toten auf 200. Zu Wochenbeginn wird die Marke von insgesamt 2.000 Toten erreicht; ein Anstieg von 68 Prozent binnen einer Woche. Die Dunkelziffer schätzen Experten auf das Doppelte.

Virus vermutlich von Urlaubern aus Italien eingeschleppt

Bislang war Sao Paulo der Corona-Hotspot Brasiliens, mit 50.000 Infizierten und fast 4.000 Toten. Doch nun holt Rio auf. Das Virus kam vermutlich durch aus Italien heimkehrende brasilianische Touristen in die Stadt, wo es sich zuerst in den Nobelvierteln verbreitete. Die höchsten Totenzahlen wurden im Viertel Copacabana gemeldet, wo viele Oberschicht-Senioren leben. Rasch füllten sich dort die teuren Privatkliniken, während sich verängstigte Mittel- und Oberschichtfamilien in Quarantäne begaben.

Anders in den Armenvierteln. Hier leben Großfamilien in kleinen Hütten; Abstand halten ist unmöglich. Es sind LKW-Fahrer, Supermarktkassiererinnen und Beschäftigte der Müllabfuhr, die die Stadt am Laufen halten. Viele haben informelle Jobs; Lohnfortzahlung oder Kurzarbeitergeld gibt es nicht. Wer nicht arbeitet, verhungert, deshalb sind die Straßen voll. In den vergangenen Tagen schnellten die Infektionszahlen in den Favelas in die Höhe. Experten schätzen die Dunkelziffer auf das Drei- oder Vierfache.

Viele Menschen ohne Krankenversicherung 

Die Armen haben meist keine Krankenversicherung. Und da die öffentlichen Krankenhäuser bereits voll sind, bleiben die Kranken oft daheim. Auch kommen Krankenwagen häufig nicht durch die schmalen Gassen der verwinkelt an die Berghänge gebauten Favelas. Familien müssen ihre kranken oder toten Angehörigen bis an die nächste Hauptstraße tragen. In der Rocinha, Rios größter Favela mit mehr als 100.000 Bewohnern, wurden bislang offiziell 18 Todesfälle gemeldet. Anwohner berichten von rund 60 Toten.

Experten zweifeln, dass sich das Virus in den Favelas eindämmen lässt. Zudem beginnt nun der Winter, die Zeit der Grippewellen. Und in den öffentlichen Krankenhäusern fehlt es an Intensivbetten mit Beatmungsgeräten. Mehr als 1.000 Corona-Patienten warten in Rio auf ein Intensivbett, viele in kritischem Zustand. Die von der Stadt und dem Land versprochenen Feldlazarette, darunter eines neben dem Maracana-Stadion, sind immer noch nicht voll einsatzbereit.

Intensivbetten stehen leer wegen Mangel an Personal und Schutzkleidung

Dabei verfügt Rio über mehrere moderne Krankenhäuser, in denen mehr als 2.000 Intensivbetten leer stehen. Schuld ist die Bundesregierung, der die Einrichtungen gehören. Weder hat sie für ausreichend Medikamente noch für Schutzkleidung gesorgt; rund 8.000 Ärzte und Pfleger fehlen. 4.000 weitere Arbeitsverträge laufen Ende Mai aus. Wochenlang habe die Bundesregierung in Brasilia nicht auf die Hilferufe aus Rio regiert, heißt es bei den überforderten Lokalbehörden.

Doch aus Brasilia dürfte weiter wenig Unterstützung kommen. Präsident Jair Messias Bolsonaro hält das Virus für eine "kleine Grippe" - an der nach jüngsten Zahlen der Johns-Hopkins-Universität fast 170.000 Brasilianer erkrankt sind. Die Zahl der Todesopfer lag am Dienstag bei 11.653. Bolsonaro lässt die Lokalregierungen mit den Problemen allein - schließlich sei es ihre Idee gewesen, Ausgangsbeschränkungen auszurufen. Seinen Gesundheitsminister, der für die Quarantäne war, entließ er mitten in der Pandemie. Am Samstag drehte Bolsonaro mit einem Jet-Ski demonstrativ einige Runden auf einem Badesee.

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