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Lithium: Boliviens weißer Schatz und Rohstoff der Zukunft

Im Süden Boliviens lagern die größten Lithiumvorkommen der Welt - unter einer riesigen Salzwüste. Foto: Flickr, CC0

Kein Elektroauto kommt ohne Lithium aus. Der Rohstoff für die Batterien ist begehrt. Bolivien sitzt auf den größten Reserven der Welt. Jetzt steigen deutsche Mittelständler ins Geschäft ein. Aus Uyuni Franz Viohl.

Boliviens Zukunft ist weiß und schmeckt salzig. Sie liegt unter einem 10.000 Quadratkilometer großen, ausgetrockneten See, dem Salar de Uyuni. Ingenieur Juan Montenegro klopft auf die Salzkruste und sagt: "Hier beginnt die industrielle Epoche unseres Landes." Er bezieht sich auf einen Rohstoff, für den sich mittlerweile Firmen aus der ganzen Welt interessieren: Lithium. Bis zu zehn Millionen Tonnen des Materials könnten hier schlummern - die größten Reserven der Erde.Lithium gilt als Schlüsselrohstoff. Das Alkalimetall ist ein Hauptbestandteil von Batteriezellen und unverzichtbar in einer mutmaßlich elektro-getriebenen Zukunft. Kein Handy ohne Lithium-Ionen-Akku, kein E-Bike und natürlich auch kein Elektroauto. Michael Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur schätzt die globale Nachfrage auf 111.000 Tonnen im Jahr 2025. Vor drei Jahren waren es noch 33.000 Tonnen.

Gold, Silber, … Lithium?

Boliviens linker Regierung um Evo Morales ist nicht entgangen, auf welchem Schatz der arme Andenstaat sitzt. Rund 16.000 US-Dollar ist eine Tonne Lithium aktuell wert, der Preis steigt seit Jahren. Investoren aus China, den USA und Russland stehen Schlange. Doch Bolivien hält die Tür geschlossen. "Wir wollen kein zweites Potosí", sagt Montenegro, den Morales zum Chef des staatlichen Lithiumkonzern YLB gemacht hat. Potosí ist eine alte Minenstadt, gut drei Autostunden von der Salzwüste entfernt. Über Jahrhunderte haben die Spanier so viel Silber aus der Mine geholt, dass die Bolivianer bis heute sagen, man hätte daraus eine Brücke von Europa nach Südamerika bauen können. Millionen kamen beim Bergbau ums Leben. Bis heute suchen Kinder in den Schächten nach den Resten. In Potosís Innenstadt wirbt eine Fotoausstellung um Spenden, damit sie in die Schule gehen können.

Kein zweites Potosí

In Uyuni soll sich diese Geschichte nicht wiederholen. Wer hier Lithium fördern will, muss sich daher an die bolivianischen Bedingungen halten: Arbeitsplätze und Wertschöpfung müssen vor Ort entstehen. Es gehe nicht darum, nur Rohstofflieferant zu sein, sagt Montenegro. Das Ziel stattdessen: Batterien "made in Bolivia". Dass es bis dahin noch ein wenig hin ist, zeigen die mit Klebeband notdürftig zusammengehaltenen Akku-Packs, die Wissenschaftler aus La Paz mitgebracht haben. Es ist ein trockener und kalter Sommertag in Uyuni, der Staatskonzern feiert seinen ersten Geburtstag. Die Militärkapelle spielt auf, Schüler tanzen in Andentracht und die Bürgermeisterin lobt die "Job-Perspektiven" durch das Lithium.

Milliardeninvestition aus Deutschland

Es gibt noch etwas zu feiern: Eine Milliardeninvestition steht an in Uyuni, und sie kommt aus Deutschland. Die baden-württembergischen Projektentwickler von ACI Systems und die Thüringer Kali-Experten K-UTEC haben den Zuschlag für ein Megaprojekt erhalten. Ein deutsch-bolivianisches Joint Venture soll das Lithium aus dem Salar im industriellen Maßstab fördern. Die Rede ist von 25.000 Tonnen Lithiumkarbonat pro Jahr. 1,2 Milliarden Euro sollen fließen. Am Mittwoch, 12. Dezember 2018, gab Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier gemeinsam mit dem bolivianischen Außenminister und dem Energieminister des Landes in Berlin den offiziellen Startschuss. Bislang steht in der Salzwüste nur eine Pilotanlage. Der Weg dorthin führt über das Örtchen Colchani. Nachdem die Häuser aufhören, verliert sich die Piste im endlosen Weiß. Nach einer weiteren Stunde Fahrt der erste Halt neben ein paar Planiermaschinen. "Hier bauen wir die Solebecken, in die das Wasser aus der Tiefe des Salars gepumpt wird", erklärt Montenegro. Neben anderen Stoffen lagere sich Lithiumsulfat ab. Das werde zu Lithiumkarbonat weiterverarbeitet - der Rohstoff für die Batterien.

Gutes Auskommen für Arbeiter

Vor der kleinen Lithiumfabrik stehen Soldaten und bewachen den Eingang. Drinnen erzählt Arbeiter Jorge Macías, dass er vom Lithium gut leben könne. Rund 600 Euro verdient er für die Arbeit an den Solebecken pro Monat. In Bolivien, das beim Bruttoinlandsprodukt hinter dem Saarland liegt, ist das relativ viel. Klar, nach drei Wochen auf Montage vermisse er seine Frau und Kinder schon, sagt Macías. Aber auch er ist überzeugt: "Endlich kommen uns Bolivianern die Reichtümer der Erde selbst zugute." Wolfgang Schmutz, Geschäftsführer von ACI Systems, sieht es überraschend ähnlich: "Das Ganze ist ein Projekt auf Augenhöhe. Entscheidend für unser Engagement in Bolivien war das Vertrauen der Bolivianer, die eine seröse und nachhaltige Entwicklung am Salar erwarten." Jetzt suche man in Deutschland Fachleute, die für ein paar Monate nach Bolivien gehen, sagt Schmutz. Gerade bei der Batterietechnik fehle den Südamerikanern noch viel Know-how.

Fehlender Meereszugang macht Lithium teuer

Und noch etwas steht dem Industriezeitalter in Bolivien entgegen. Der Andenstaat hat keinen Zugang zum Meer. Exporte müssen über die westliche Andenkette bis zum chilenischen Hafen Antofagasta transportiert werden. Für dessen Benutzung verlangt Santiago eine hohe Steuer. Das dürfte auch die bolivianischen Batterien verteuern. Im Oktober scheiterte Bolivien vor dem Internationalen Gerichtshof mit einer Klage gegen Chile. Doch in Uyuni sind die Hoffnungen gewaltig. Bislang bringen nur die Rucksacktouristen etwas Geld in die karge Gegend. Die Salzwüste ist eine beliebte Instagram-Kulisse. Doch die Backpacker bleiben meist nur ein paar Tage. "Den Bauern in der Region bleibt als Lebenserwerb sonst nur die Lamazucht", sagt Bürgermeisterin Carmen Gutiérrez. Das Lithium, so hofft sie, werde ihnen endlich Wohlstand bringen. Einen Wohlstand, den ihnen keine Kolonialmacht wegnehmen kann.

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