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Indigene werfen Nichtregierungsorganisationen Bevormundung vor

Das im Süden Surinams lebende Volk der Wayana will seinen eigenen Weg gehen, gemäß dem traditionellen Denken und der überlieferten Lebensweise.

Fischerei, Indigene, Surinam

Indigene auf der brasilianischen Insel Jutuba, die ähnlich wie die Wayana, Fischerei betreiben (Symbolfoto: Jürgen Escher/Adveniat)

Seit Jahren fühlen die Indigenen sich von Umweltschutzorganisationen paternalistisch behandelt. Die Wayana leben zum überwiegenden Teil im Süden Surinams, einige Angehörige des indigenen Volkes in Französisch-Guyana sowie in einem kleinen Gebiet im Norden Brasiliens. Der Lebensraum der etwa 2.500 Wayana umfasst insgesamt rund 30.000 Quadratkilometer Regenwald. Ausgrabungen haben ergeben, dass die Region seit mehr als 4.000 Jahren von indigenen Völkern besiedelt ist. Sie leben von der Landwirtschaft und vom Fischfang.

Der dichte, schwer zugängliche Dschungel im Norden des Amazonasgebietes verschonte die Wayana vor der Kolonisierung. Anfang des 20. Jahrhunderts verschlug es einige Abenteurer auf der Suche nach Gold in die Gegend, es kam aber kaum zu Kontakt. Dennoch schleppten die Europäer zahlreiche Krankheiten wie Grippe und Tuberkulose ein, die zu großen Epidemien führten. Das Volk der Wayana wäre fast ausgelöscht worden. Um das Jahr 1960 herum betrug die Zahl der Indigenen nur noch 500 bis 600, nachdem es zu Beginn des Jahrhunderts schätzungsweise noch mehr als 4.000 gewesen waren.

Wayana gibt es nur noch aufgrund des Eingreifens der Kirche in den 1950er und 1960er Jahren: Missionare brachten Medikamente gegen die neuen, zuvor unbekannten Krankheiten. Es gab aber auch Schattenseiten, so verbot die Kirche bestimmte kulturelle Ausdrucksformen der Indigenen. Die Kirche ist bis heute präsent, aber in einer Art Synkretismus verbinden sich christliche Traditionen mit traditioneller indigener Kultur. Das relativ isolierte Leben der Wayana hat dazu geführt, dass sie noch ihre eigene Sprache sprechen und sich ihrer Wurzeln bewusst sind.

Sprachbarriere verhindert Augenhöhe

Allerdings mangelt es an Bildung, so dass fast niemand eine Fremdsprache spricht. Die Wayana mussten Dokumente in anderen Sprachen unterzeichnen, die sie nicht lesen konnten. Sie werfen sowohl Surinams Regierung als auch Nichtregierungsorganisationen vor, diese Schwachstelle zu ihren Gunsten ausgenutzt zu haben. Zahlreichen Versprechungen seien keine Taten gefolgt. Den Wayana zufolge hat sich ihre Lage im Gegenteil immer weiter verschlechtert. Verbittert bezeichnen sie die Naturschutz-Aktivisten als Kolonialherren der Neuzeit.

Hierbei steht auch die Stiftung World Wide Fund For Nature (WWF) im Fokus der Kritik. Vordergründig werde den Indigenen Hilfe angeboten, um für Entwicklung zu sorgen. Während die Wayana traditionell nachhaltig in Harmonie mit ihrem Wald lebten, würden ihnen von den Nichtregierungsorganisationen Regeln auferlegt. Diese betrieben ein Geschäft, um Geld zu machen. Die NGOs kommunizierten mit den indigenen Gemeinden ohne jeden Respekt und hätten eine vertikale Sichtweise. Ihrer Meinung nach verstünden die Indigenen sie nicht, daher träfen sie die Entscheidungen. Sie wüssten, was gut für die indigenen Völker sei. Bei den Spendern werde der Eindruck erweckt, dass die Indigenen mit den Projekten einverstanden seien.

Die wahren Naturschützer werden reglementiert

Beispiel: Der Parque Amazónico de Guayana, grenzüberschreitend in Französisch-Guyana und Surinam gelegen. Ein Teil der Wayana lebt auf einem Gebiet, das nun zum Park zählt. Ihnen wurde eine Vielzahl von Restriktionen auferlegt. So sind Jagd und Landwirtschaft nur noch in bestimmten Gebieten erlaubt. Seit 2015 verfolgen WWF, Conservación Internacional (CI) und Equipo de Conservación del Amazonas mit dem Projekt "Corredor de Conservación del Sur de Surinam" den Schutz eines rund 70.000 Quadratkilometer großen Gebietes - dies entspricht der Größe Bayerns. Den hier lebenden 3.500 Indigenen, neben Wayana auch Angehörige der Trio, wurde das Fällen von Bäumen untersagt, mit denen sie ihre Häuser und Kanus bauen. In die Gegend kommt man nur mit dem Flugzeug. Oder mit dem Boot - eine tagelange Reise.

Die Indigenen prangern an, dass sie bei dem Projekt auf dem Papier die Herren sind, was aber nicht der Realität entspreche. Die Nichtregierungsorganisationen organisierten die Treffen mit den beteiligten indigenen Gemeinden, legten die Agenda fest und bestimmten vor allem die Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen getroffen würden. Die Indigenen hätten nie die Zeit, ihre verschiedenen Standpunkte einander darzulegen. Zudem gehe viel Zeit fürs Übersetzen drauf. Nur wenige indigene Anführer verstünden erwas Niederländisch, die Amtssprache Surinams. Begriffe wie Nachhaltigkeit oder Biodiversität lassen sich zudem nur schwierig in indigene Sprachen übersetzen.

Indigene nehmen die Dinge nun in die eigene Hand

Indigene sagen den Nichtregierungsorganisationen aus Stolz nicht gerne, dass sie diese nicht verstehen. Problematisch ist aber auch das Verhältnis zu Surinams Regierung, die keine Demarkierung indigenen Landes vornehmen lässt und wiederholt von der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) wegen der Nichtachtung indigener Rechte verurteilt wurde. Die Wayana nehmen ihr Schicksal nun selbst in die Hand und wollen unter anderem ein Institut für indigene Bildung gründen. Die meisten Nichtregierungsorganisationen weigern sich, dieses zu unterstützen. Ihnen ist offenbar der Erhalt von Bäumen wichtiger als Bildung für Indigene. Dabei haben die Wayana seit Generationen dafür gesorgt, dass der Wald wächst und gedeiht. Die Indigenen suchen fortan Partner, die ihre Formen des Denkens und Lebens teilen. 

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