Argentinien |

Hoffnungsträger Fernández muss liefern

Jubel im Lager der linksgerichteten Wahlsieger Alberto Fernández und Cristina Kirchner: Das Duo soll Argentinien aus einer schweren Krise führen. Die Erwartungen sind riesig.

Vielleicht die wahre Wahlsiegerin: Vize-Präsidentin Cristina Kirchner. Foto: Tobias Käufer/ Adveniat

Die Spottlieder können sie sich nicht verkneifen: Im Herzen von Buenos Aires feiern in der Nacht zum Montag die Anhänger des linksgerichteten Duos Alberto Fernández und Cristina Kirchner. Mit 48,1 Prozent entschiedet Fernández die Präsidentschaftswahlen für sich, der konservative Amtsinhaber Mauricio Macri kam auf 40,4 Prozent. Das vernichtende Wahldebakel für die konservativen Kräfte blieb damit aus, trotzdem ist der Vorsprung von Fernández bemerkenswert. „Sie sind weg, sie sind weg“, jubelten die Fernández-Anhänger in der Nacht zum Montag im Herzen von Buenos Aires. Andere sangen: „Wir wollen unser Land zurück“. Es fallen einige Beleidigungen, aber die Stimmung ist im Großen und Ganzen friedlich und ausgelassen.

Die populäre Ex-Präsidenten

Die Gewinner richteten ernste Worte an ihre Anhänger. Der Neoliberalismus habe dem Land schweren Schaden zugefügt, sagte Ex-Präsidentin Cristina Kirchner (2007 – 2015), die als Vizepräsidenten zurück an die Spitze des Staates rückt. Sie forderte ihre Landsleute auf, bis zur Machtübergabe verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Das Land befinde sich in einer dramatischen Lage. Die Korruptionsvorwürfe gegen sie waren am Sonntagabend kein Thema mehr.

In der Stadt wurden am Sonntagabend CFK-Mützen und T-Shirts verkauft, Fernández-Fanartikel gingen kaum über den Ladentisch. Eine kleine Randnotiz, die aber viel darüber verrät, wem im Regierungslager tatsächlich die Herzen zu fliegen. Auf die Zusammenarbeit zwischen dem Präsidenten und seiner ehemaligen Chefin darf man gespannt sein. Die Opposition wird versuchen, einen Keil zwischen sie zu schieben.

"Ende des Neoliberalismus" in schwierigen Zeiten 

Es waren nicht die Reichen und Gutverdienenden, die am Obelisk feierten, sondern die, die von Fernández und Kirchner schnelle Hilfe erwarten. Anfang Oktober teilte das Nationale Statistikinstitut INDEC mit, dass die Armutsrate mit 35,4 Prozent einen neuen Höchststand erreicht hatte. Insgesamt 17,5 Millionen Argentinier leben demnach in armen oder prekären Verhältnissen. Als erste Maßnahmen hatte Fernández einen Plan gegen den Hunger und einen Sozialpakt in Aussicht gestellt. Die feministische Bewegung erwartet von Fernandez das, was schon zwischen 2003 und 2015 nicht gelang, als der Peronismus an der Macht war: Die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. 

Zu neuen wirtschaftspolitischen Maßnahmen schwieg Fernández bislang. Der linke Ex-Wirtschaftsminister Axel Kicillof, der die Wahl um den Gouverneursposten in der bevölkerungsreichen Provinz Buenos Aires gewann, kündigte ein „Ende des Neoliberalismus“ an. Fernández beschränkte sich auf Floskeln: “Wir sind wieder da und wir werden besser sein“, rief er am Abend seinen Anhängern zu.

Dass die Feier blieb friedlich, lag auch daran, dass sich Macri als fairer und verantwortungsvoller Verlierer präsentierte. „Ich habe Fernandez zu seiner Wahl gratuliert“, sagte Macri am Abend. Am Montagvormittag (Ortszeit) soll es ein erstes Übergabegespräch zwischen Macri und Fernández geben. Und ein Foto, das Stabilität ausstrahlen soll. In einer Zeit, in der im Nachbarland Bolivien heftige Auseinandersetzungen um einen umstrittenen Wahlsieg von Präsident Evo Morales toben, ist das ein bemerkenswerter Unterschied.

Die Hauptstadt bleibt konservativ

Im allgemeinen Siegestaumel gehen zwei Dinge fast unter: In der Hauptstadt Buenos Aires feierte der konservative Bürgermeister Horacio Rodriguez Larreta einen historischen Wahlsieg. Ihm wird nun eine wichtige Rolle als Oppositionsvertreter zufallen. Und mit den 40 Prozent ist der Sockel für eine gesunde Oppositionsarbeit gelegt, die magische 50 Prozent-Grenze hat Fernández nicht überspringen können. Sollte das Duo Ferández-Kirchner nicht schnell Erfolge vorweisen könnte, reichen bereits wenige Prozent Wählerwanderung, um die Kräfteverhältnisse wieder neu zu verteilen.

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