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Endstation Grenzgebiet - Gestrandete Migranten in Zeiten des Coronavirus

Wegen Corona sind viele Grenzen dicht. In Lateinamerika harren deshalb tausende Flüchtlinge in improvisierten Zeltunterkünften aus - sie warten auf Asyl in den USA oder die Heimreise nach Venezuela. Während sie warten, breitet sich das Virus bereits in einigen Lagern aus.

Flüchtlinge sind während Corona in der Grenzregion zwischen Kolumbien und Venezuela gestrandet. Foto: Bischof Victor Ochoa, Cucutá, Kolumbien.

Während Lateinamerikas Öffentlichkeit gebannt und angsterfüllt auf steigende Infektionszahlen und Todesstatistiken starrt, braut sich abseits der Pressekonferenzen und Scheinwerfer ein explosiver Cocktail zusammen. 22 Länder haben seit Beginn der Quarantänen im März ihre Grenzen geschlossen. Damit wurden Fluchtrouten in die USA drastisch unterbrochen und die Grenzen militarisiert. In Mittelamerika, eine obligatorische Durchgangsstation auf dem Weg nach Norden, zirkulieren seit Mitte März nur noch Waren frei. Tausende Migranten sind deshalb gestrandet – im Dschungel des Darién in Panama ebenso wie im Süden von Honduras.

Migranten unter Generalverdacht

Je länger die Quarantäne dauert, umso explosiver wird die Lage und umso ungeduldiger die Migranten. Die Konditionen in ihren Lagern sind prekär. Sie sind in Massenunterkünften zusammengepfercht, mit viel zu wenig sanitären Einrichtungen. Oft sind weder Sauerstoffmasken noch Beatmungsgeräte in erreichbarer Nähe. Der Rest der Bevölkerung betrachtet die Migranten argwöhnisch, denn sie stehen unter Generalverdacht, Überträger des Virus zu sein. Offizielle Sozialprogramme schließen Migranten meistens von der Teilhabe aus. Und wegen der geschlossenen Behörden haben sie auch keine Möglichkeit, ihren Migrantenstatus legal anerkennen zu lassen.

Mexiko beispielsweise hat aus Angst vor Infektionsherden seine staatlichen Flüchtlingsunterkünfte evakuiert und die Insassen unter Protesten von Menschenrechtsorganisationen in Busse verfrachtet und zum Grenzübergang nach Guatemala zurückgeschickt. Im eisig kalten Winter von Chile kampierten haitianische Flüchtlinge tagelang vor dem Präsidentenpalast, um auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen. Die Regierung bot ihnen schließlich einen gratis Rückflug in die Heimat an - sofern sie auf ihren Aufenthaltsstatus in Chile verzichteten und sich verpflichteten, fünf Jahre keinen Fuß mehr nach Chile zu setzen.

Flüchtlinge im Darién Dschungel 

In Honduras marschierten rund hundert Flüchtlinge vor kurzem einfach zu Fuß in der Stadt Choluteca los in Richtung Grenze und wurden unterwegs von der Polizei abgefangen. Besonders prekär ist die Lage im abgelegenen Dschungel des Darién, wo fast 2000 Flüchtlinge aus der ganzen Welt festsitzen. Einige steckten kürzlich ihre Unterkunft in Brand, nachdem die Hälfte der Insassen positiv getestet worden war. Zwischen Costa Rica und Nicaragua versuchen viele über die grüne Grenze weiterzukommen; in Guatemala wurden dieser Tage versteckt in einem LKW 15 kubanische Flüchtlinge entdeckt.

Ein Brennpunkt ist die Grenze zwischen den USA und Mexiko, wo derzeit nach einer Erhebung der Universität Houston zufolge 60.000 Menschen auf mexikanischer Seite in Zeltlagern ausharren, um ihr Asylgesuch in den USA vortragen zu können – doch die Anhörungen sind eingestellt, die Grenzübergänge für den Personenverkehr geschlossen. „Die Grenzregion ist ein juristisches Niemandsland in äußerst prekären Umständen“, so die Universität. 

Venezolaner hoffen auf Heimreise

Dramatisch ist die Lage auch für venezolanische Flüchtlinge in Südamerika. Sie wollen nicht weiter in die USA, sondern zurück in ihre Heimat, weil sie durch den Lockdown keine Arbeit mehr haben, keine Miete mehr zahlen können und auf der Straße gelandet sind und hoffen, zu Hause in ihren alten Häusern oder bei Verwandten unterzukommen. „Viele gelangen zu Fuss an die Grenze, weil es keinen öffentlichen Transport mehr gibt“, schildert Bischof Victor Manuel Ochoa telefonisch aus der Grenzstadt Cúcuta. 75.000 haben sich offiziellen kolumbianischen Zahlen zufolge seit Beginn der Coronakrise auf den Rückweg gemacht. Doch Venezuela will sie nicht zurückhaben. Das Land steckt selbst in einer Wirtschaftskrise, die Rückkehrer werden von manchen Politikern als „biologische Waffen“ stigmatisiert. Die Grenze ist dicht, nur knapp tausend pro Woche dürfen durch einen humanitären Korridor an insgesamt drei Grenzübergängen zurück in die Heimat. „Wir steuern auf eine Krise in der Krise zu“, erzählt Ochoa per Telefon. Die Infektionsketten nähmen gerade erst an Fahrt auf in der Grenzregion.

In Cúcuta sind nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR derzeit 1200 venezolanische Flüchtlinge gestrandet. „Wir haben auf einer Grenzbrücke ein Zeltlager errichtet“, erzählt UNHCR-Repräsentant Jozef Merkx per Telefon. Dort gibt es Duschen, Trinkwasser, Ärzte und Zelte im gebührenden Abstand. Neuankömmlinge werden ärztlich untersucht, wer Symptome hat, in ein Feldlazarett in Isolation geschickt. Doch das Lager bietet gerade einmal Platz für 400 bis 500 Flüchtlinge. Die übrigen Flüchtlinge schlafen auf Parkbänken oder auf öffentlichen Plätzen. Die Diözese verteilt 1500 warme Mahlzeiten sowie Hygienekits und Medikamente pro Tag an den Brennpunkten von Cúcuta. 

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