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Zwischen Nostalgie und Überlebenskampf

Die Altstadt in der Landeshauptstadt Havanna. Foto: Adveniat/Steffen
Die Altstadt in der Landeshauptstadt Havanna. Foto: Adveniat/Steffen

Zum ersten Mal seit fast 60 Jahren wird auf Kuba kein Castro an der Staatsspitze das Sagen haben, wenn am 18. April Präsident Raúl Castro sein Amt offiziell an den vom Parlament bestimmten Nachfolger übergeben wird. Doch die kommunistische Führung ist bemüht, aus dem historischen Ereignis ein Nicht-Event zu machen. Keine Artikel, keine Plakate, keine Aufmärsche zur Unterstützung der neuen Führung nichts geschieht, was Erwartungen schüren könnte. Und das aus gutem Grund: Die Insel steckt tief in Problemen. Die Wirtschaft schrumpft, die Partei ist intern zerstritten, und der Reformstau schürt zunehmend Unmut in der Bevölkerung. Das „Timing“ für die vom 86jährigen Castro angekündigte „Verjüngung“ an der Staatsspitze ist denkbar ungünstig. Denn sein Nachfolger wird zwar die Probleme, nicht aber das Charisma oder die historische Legitimation der Castros erben.

"Als US-Präsident Barack Obama 2016 in Havanna war, da herrschte Aufbruchstimmung, wir alle schöpften Hoffnung, dass es jetzt vorangeht", erzählt der inzwischen pensionierte Angestellte des staatlichen Pharmaunternehmens, Jorge Mecías, mit glänzenden Augen. Doch zwei Jahre später sind die Träume der Kubaner verpufft, irgendwo zwischen Parteitag, Hurrikan Irma und Hurrikan Trump. Der Parteitag 2016 bremste die liberalen Wirtschaftsreformen aus, Hurrikan Irma zerstörte 2017 die touristisch wichtige Infrastruktur des Nordteils der Insel und viel landwirtschaftliche Anbaufläche. Und US-Präsident Donald Trump machte die Embargo-Lockerungen seines Vorgängers postwendend wieder rückgängig.

Wenige Touristen aus den USA

Mecías baute nach der Pensionierung seine Wohnung am Malecón von Havanna zur Privatunterkunft aus. Die ersten Jahre lief das Geschäft blendend, seit 2017 ist es eingebrochen; der Aufschwung der US-Touristen zum Erliegen gekommen, seit Trump die Sanktionen wieder verschäft hat. „Was kann da unser neuer Präsident schon ausrichten?“ fragt Mecías. “Er ist Geisel des Konfrontationskurses der USA und wird gegängelt von Partei und Militär.“

Einen Gorbatchov, eine kubanische Perestroika, kann sich kaum einer vorstellen.“Kurzfristig wird hier gar nichts passieren“, sagt Claudia García, Redaktionsleiterin des Magazins „OnCuba“, eine der unabhängigen Online-Publikationen, die im Zuge des Reformkurses entstanden sind, von wohlhabenden Exilkubanern finanziert und bislang von der Führung noch geduldet, weil sie sich vor allem touristischen und kulturellen Themen widmet. „Die neue Führung wird sich erst eine eigene Machtbasis schaffen müssen, bevor sie vielleicht in vier oder fünf Jahren Veränderungen in Angriff nehmen kann.“ Aber hat Kuba so lange Zeit?

Sorgenvoller Blick nach Venezuela

Der venezolanische Kollaps schwebt wie ein Damoklesschwert über der neuen Führung. Noch immer liefert das südamerikanische Erdölland täglich 42.000 Fass Öl. Doch schon jetzt wird das Benzin knapp und ist an Tankstellen rationiert. Die in den vergangenen Jahren mühsam umgeschuldeten Auslandsschulden in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar häufen sich schon wieder, ausländische Investoren klagen über miserable Zahlungsmoral des Staates und Hindernisse bei der Rückführung ihrer Gewinne. Besonders im Landesinnern kommt es wieder häufiger zu Stromausfällen, der öffentliche Transport ist prekär. Die Reformen greifen bislang zu kurz, und ein neuer Verbündeter, der die Insel und ihre marode Mangelwirtschaft aushalten würde, ist nicht in Sicht.

Santa Clara, die Hochburg der Revolution und Standort des Mausoleums mit den Gebeinen des Freiheitskämpfers Ernesto „Che“ Guevara, wirkt wie ein in der Zeit eingefrorenes Freilichtmuseum. Pferdekutschen und Fahrräder bestimmen das Stadtbild. Zu vaterländischen Aufmärschen halten Kinder in Uniform Transparente der Nationalhelden in die Höhe und des 2016 verstorbenen Fidel Castro, der gerade zum neuen Mythos wird.

Beatles haben Vorrang vor lokalen Künstlern

Im Kulturzentrum hofft Roberto Rodríguez noch immer auf den großen Wurf. Der bildende Künstler ist glühender Verfechter der Revolution und hatte einst Großes vor. Er wollte ganz Santa Clara mit seinen Wandbildern aus Mosaiksteinen verschönern. Und er hatte einen einflussreichen Fürsprecher: Den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei für die Region, Miguel Díaz Canel, Favorit auf die Thronfolge Raúl Castros. „Díaz Canel hat ein Herz für Kultur und sorgte dafür, dass ich mein Projekt dem zuständigen Komitee vorlegen durfte“, erzählt der Künstler stolz. Die Bürokraten schienen angetan, Rodriguez war sogar bereit, sich mit seinem normalen Lohn als staatlich angestellter Kunstschaffender von umgerechnet knapp 20 Euro monatlich zufrieden zu geben. Er wurde freundlich verabschiedet - und es passierte nichts.

Vertröstungen und Vorwände mussten herhalten, während andere Projekte Vorrang bekamen. Ein Platz, der den Beatles gewidmet ist, beispielsweise. Manche behaupten, der Tourismusmimister sei ein Fan der Briten, andere glauben, Projekte gäbe es nur gegen Schmiergelder. Aus Rodriguez‘ Idee wurde schliesslich ein bescheidenes Mosaik, ein Fabelwesen, das in der Fußgängerzone an der Fassade eines Devisenshops prangt, irgendwo zwischen Seifen und vergilbten Schwarz-Weiss-Fotos von Revolutionshelden.

Kein Bleiberecht in den USA

Rodriguez schnaubt: „Wir prostituieren uns, nur noch Devisen zählen.“ Ginge es nach dem 75jährigen, würde die neue Regierung die Zeit zurückdrehen. Etwa dahin, wo sich sein zweites großes Kunstwerk befindet, ein überlebensgroßes Mosaik des „Che“ an der gleichnamigen Oberschule vor den Toren von Santa Clara. 1200 Schüler in adretten braun-weissen Uniformen werden hier unterrichtet. „Bei Schulwettbewerben schneiden wir immer spitze ab“, erzählt stolz der Direktor, um den desolaten Zustand der Vorzeige-Schule zu übertünchen: Auf den Toiletten gibt es keine Klobrillen, und Wasser wird wegen der maroden Leitungen im Zisternenwagen angeliefert. Obst und Gemüse sind aus der Schulkantine verschwunden. „Der Hurrikan“, entschuldigt er sich.

„Immer gibt es einen Schuldigen, ich kann es nicht mehr hören“, schimpft Sammeltaxifahrer Osvaldo, der frustriert in einer Schlange steht, um einen Hotdog zu kaufen und dem die Verkäuferin offenbart hat, dass sie weder kalte Getränke hat, weil der Strom ausgefallen ist, noch Hotdogs, weil es kein Brot gibt „wegen dem US-Embargo“. Der 40jährige würde gerne weg, doch auch dieses Ventil existiert nicht mehr, seit Obama in seiner letzten Amtshandlung das automatische Bleiberecht in den USA für Kubaner gestrichen hat. Nicht nur die USA, auch fast alle Länder Lateinamerikas verlangen nun von Kubanern Visa und den Nachweis wirtschaftlicher Solvenz. Das Geld haben wenige, Osvaldo ist stattdessen in die innere Emigration gegangen.

Auch bei der Jugend ist wenig politischer Enthusiasmus zu finden. Abends versammelt sie sich auf dem Hauptplatz und in der Fussgängerzone, um für umgerechnet einen US-Dollar eine Stunde im staatlichen WLAN zu surfen oder dem zahlungskräftigeren Kumpel dabei über die Schulter zu schauen. Was er von der neuen Staatsführung erwarte? Boxtrainer Yasiel blickt irritiert auf. "Billigeres Internet?", stottert der 22jährige dann unsicher, als hätte er sich nie solche Zukunftsfragen gestellt. „Bessere Gehälter, damit wir auch mal in die Devisen-Disko können“, fällt seinem Freund Joel ein. „Hier kann sich ein Arzt von seinem Gehalt nicht mal eine Nacht in einem Touristenhotel leisten.“ Ach, so schlecht sei es doch gar nicht, entgegnet seine Freundin Violeta. „Hier hast du Bildung, Gesundheit und tolles Wetter gratis, und hart arbeiten musst du auch nicht.“ Dass sich daran so schnell etwas ändert, kann sich keiner aus dem Trio vorstellen. „Das entscheiden die Politiker, und die leben in einer anderen Welt.“

Autorin: Sandra Weiss

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