Brasilien |

Zunehmende Gewalt gegen Frauen

Marielle Franco stammte aus den Favelas. Hier die Favela Campinho. (Symbolbild: Frevel/Adveniat)
Marielle Franco stammte aus den Favelas. Hier die Favela Campinho. (Symbolbild: Frevel/Adveniat)

Minutenlang schlägt der Mann zu, zerrt seine Frau in den Aufzug, dann in die Wohnung im vierten Stock, von deren Balkon sie am Ende in den Tod stürzt. Die im Juli aufgenommenen Bilder des Todeskampfes der jungen Anwältin laufen derzeit überall in Brasilien. Und täglich kommen neue Bilder hinzu: vom Freund ermordete Schwangere, erwürgte Ehefrauen, brutalste Vergewaltigungen.

 

Die Zahl der Femizide oder Feminizide - also aus Hass gegen Frauen verübte Morde - in Brasilien lag 2017 bei 1.133. Dazu kommen mehr als 220.000 Fälle häuslicher Gewalt und mehr als 60.000 Vergewaltigungen. Die Dunkelziffern liegen noch höher, glauben Experten des "Brasilianischen Sicherheitsforums", das die Daten sammelt. Über das Schicksal der 83.000 im vergangenen Jahr verschwundenen Personen könne man nur spekulieren.

Spekuliert wird auch über den Mord an der Stadträtin Marielle Franco in Rio de Janeiro, die zur Symbolfigur für Gewalt gegen Frauen geworden ist. Mitte März wurde sie gemeinsam mit ihrem Fahrer im Stadtzentrum exekutiert. Zuvor hatte sie korrupte Polizisten für Morde an Jugendlichen in den Favelas verantwortlich gemacht. Die Regierung versprach damals rasche Aufklärung. Doch auch 150 Tage danach wartet die Familie auf eine Erklärung. Auch Papst Franziskus. "Der Papst wollte aus erster Hand wissen, wie es um die Ermittlungen steht", berichtet Marielles Mutter, Marinete da Silva.

Papst empfängt ihre Mutter

Wenige Tage nach dem Mord hatte Franziskus die Mutter überraschend angerufen. Marielles Tochter schickte er zum Trost einen Brief. Nun empfing er Marinete persönlich im Vatikan. "Der Papst zeigte sich besorgt über die Art, wie dieser Mord ausgeführt wurde; darüber, dass eine starke Frau wie Marielle auf derart brutale Weise eliminiert wurde." Franziskus sei bewusst, dass der Mord für die generelle Verschlechterung der Menschenrechtslage in Brasilien stehe, so Marinete da Silva.

Sie ist zu einem Sprachrohr der Mütter geworden, deren Kinder in der Gewaltspirale umkommen. Rund zwei Drittel der 63.000 Ermordeten des Vorjahres waren Schwarze aus armen Familien; meist junge Männer, Opfer der Drogenkriege. Dass junge Männer sterben, ist in Brasilien nichts Neues. Doch die zunehmende Gewalt gegen Frauen erschreckt die Bevölkerung. Zwischen 2010 und 2017 sprang die Zahl der Vergewaltigungen von 41.000 auf mehr als 60.000 Fälle pro Jahr. "Der Anstieg kann auch bedeuten, dass die Opfer heute mehr Mut zur Anzeige haben", sagt Roberta Astolfi vom "Brasilianischen Sicherheitsforum". Und Mut brauchen sie auch: "Noch immer passiert es, dass man den Frauen eine Mitschuld gibt", so Astolfi. Der Kampf gegen die gewaltbereite Macho-Kultur müsse in den Schulen beginnen.

Politiker im Mord verwickelt

Auch Marinete da Silva stellt Forderungen. "Wir wollen endlich wissen, wer Marielle getötet hat und warum sie sterben musste." Doch die Behörden tappten weiter im Dunkeln, sagte Sicherheitsminister Raul Jungmann zuletzt im Fernsehen. Zum einen sei der Mord sehr professionell ausgeführt worden; die Täter hätten kaum Spuren hinterlassen. Zum anderen seien offenbar Beamte des Sicherheitsapparats sowie Politiker darin verwickelt, was die Ermittlungen erschwere, so Jungmann. Derzeit sitzen mehrere Personen in Untersuchungshaft, die in Verbindung mit den aktiven Milizen in Rios Favelas stehen sollen. Es sind mafiaähnliche Organisationen, denen aktive und pensionierte Polizisten angehören und die zunehmend Einfluss auf die Politik der Stadt gewinnen.

Auch gegen drei Abgeordnete der Partei von Staatspräsident Michel Temer werde ermittelt, so die Medien. Der Mord an Marielle Franco könne aus Rache an der Oppositionspartei PSOL erfolgt sein, für die sie im Stadtrat saß. Dort hatte sie offen die Politik von Temer und seinen Parteifreunden angeprangert. Das Militär hatte Mitte Februar auf Geheiß des Präsidenten das Kommando über Rios Sicherheitskräfte übernommen. Das bezeichnete Marielle Franco als eine Menschenrechtsverletzung.

Man habe ihre Tochter ermordet, weil sie all das repräsentiert habe, was Brasiliens Konservative hassten, ist sich Marinete da Silva sicher. Marielle war schwarz, homosexuell, kam aus der Favela - und auch noch eine Frau. Offen habe sie die bestehende Ordnung herausgefordert. Man möge endlich für eine Gerechtigkeit sorgen, die dieses Wort auch verdiene, bittet Marinete. "Nicht nur in Marielles Fall, sondern überall in diesem Meer von Menschenrechtsverletzungen, die wir derzeit erleben."

Autor: Thomas Milz (KNA)