Haiti |

"Wir haben die Chance, ein besseres Haiti aufzubauen"

Bischof Dumas ist Präsident der Caritas Haiti und war im Dezember 2009 auf Einladung von Adveniat in Deutschland zu Gast. Er berichtet über das Geschehene und entwickelt daraus eine Wegweisung in die Zukunft Haitis.

Am Tag vor dem Erdbeben war ich in meinem Bistum unterwegs. Um ein Dorf zu erreichen, musste ich viele Flüsse an Furten durchqueren. Als wir durchs Wasser fuhren, „bubbelte“ es und es gab Wellen. Wir entschlossen uns, die Nacht im diözesanen Bildungshaus Madian zu verbringen, gleich am Meer gelegen. Doch in der Nacht schlugen die Meereswogen gegen die Brandungsmauer des Hauses, und ich dachte: „Das ist ein Tsunami.“

Am nächsten Tag kehrte ich nach Port-au-Prince zurück. Zehn Minuten, nachdem ich aus dem Auto gestiegen war, ereignete sich das Erdbeben. Es war ein lauter Schlag, das Haus machte einen Hüpfer, und ich hatte es noch nicht einmal bis zur Haustür geschafft, als die Erderschütterung schon wieder nachließ. Alle stürzten auf die Straße. Als eines der ersten Dinge versuchte ich, meine Mitarbeiter zu erreichen und ihnen Mut zuzusprechen. Ich sagte ihnen: „Habt keine Angst, dies ist der Moment, um Solidarität zu zeigen und einander beizustehen.“

Ich habe meine zweieinhalbjährige Nichte und meinen Schwager durch das Erdbeben verloren. Niemand von denen, die starben, hatte verdient, so plötzlich gehen zu müssen. Für uns, die wir zurückblieben, bleibt jetzt nur der Schmerz. Dies ist eine Prüfung für uns alle. Sie wird nicht ewig dauern. Doch wir müssen diese Prüfung im Glauben durchstehen, damit wir am Ende heiler als zuvor daraus hervorgehen.
Ich glaube, dass unsere Nächstenliebe und die Art, wie wir diese Krise durchleben, uns dabei helfen werden, in unserer Menschlichkeit zu wachsen. Sie wird uns helfen, großherziger zu werden, offener und verfügbarer für Andere. Denn die (bisherigen) symbolischen Formen des Zusammenlebens (Zusammenleben „als ob“) sind zerstört. Alle Symbole, die uns verbunden haben, sind zerstört: die Kathedrale, der Präsidentenpalast, die Ministerien, die Schulen, die Ordenshäuser und viele andere liegen in Trümmern.
Jetzt müssen wir von Neuem aufbauen. Wir müssen es auf eine Weise tun, dass Vorurteil und Diskriminierung abgeschafft werden, und auf eine Weise, die Vertrauen schafft. Es muss auf eine Weise geschehen, die Solidarität hervorbringt und einen offenen Geist. Ich meine, es gibt uns die Gelegenheit, unser Land auf eine neue Art aufzubauen und jenes Band zu verstehen, das uns zusammenhält.

Wir stehen vor bestimmten Fragen. Im Augenblick ist alles Nothilfe. Doch eines Tages stellen sich die Fragen nach dem Wiederaufbau. Das bedeutet nicht, die Dinge wieder aufzubauen, wie sie einst waren. Stattdessen haben wir die Chance, ein besseres Haiti zu bauen, in dem die Menschen im Mittepunkt stehen.

Quelle: www.caritas.org/activities/emergencies/BishopPierreDumasOnHaiti.html