Argentinien |

"Wir dürfen nicht mehr schweigen"

Der Polizist der die Leichen entdeckte musste anschließend psychologisch betreut werden. Er fand die neunjährige Sofia Bianca und ihre Mutter Silvina Mehaudy in ihrer Wohnung in Villa Urquiza in einer riesigen Blutlache, die Frau mit über 60 Messerstichen regelrecht abgeschlachtet. Der mutmaßliche Täter, ihr Ex-Mann Juan Carlos Bianco, ein Ingenieur, wurde am Flughafen mit zweitausend Dollar in der Tasche beim Versuch, außer Landes zu fliehen, gefasst. Sofia und Silvina wurden am 1. Januar 2011 ermordet und eröffneten eine Kriminalstatistik, die mit einem traurigen Jahresrekord abschloss: 282 Todesopfer häuslicher Gewalt, die Spitze eines Eisberges aus brutaler Gewalt gegen Frauen und ihre Kinder, der in seinen Dimensionen nirgendwo statistisch exakt erfasst und doch alltäglich in der Nachbarschaft beobachtbar ist.

 

Fehlende Prävention und negative Erfahrungen mit den Behörden

Offenbar rasten in Argentinien eifersüchtige, herrschsüchtige, enttäuschte, verletzte oder wie auch immer gepolte Männer gegen ihre weiblichen Partner extrem leicht aus. Auf der Suche nach den Ursachen sticht – neben einem immer noch absolut verquerem Verständnis des „machismo latino“ - fehlende Prävention sofort ins Auge: Häusliche Gewalt wird viel zu wenig angezeigt, und oft sind negative Erfahrungen mit Polizei, Justiz und anderen Behörden der Grund dafür.

Silvina Mehaudy hatte bei der Polizei vergeblich Hilfe vor ihrem gewalttätigen Ex-Mann gesucht. In einer Untersuchung listet das dem Finanzministerium unterstellte "Büro zur Unterstützung von Gewaltopfern“ (OFAVyT) in Buenos Aires haarsträubende Beispiele auf: Ein Richter weist eine Frau, die von ihrem Expartner Morddrohungen erhält, mit den Worten ab „ es handle sich doch nur um Sprüche“, die Klage einer auf der Straße vergewaltigten Frau wird mit der Begründung abgeschmettert, man hätte sie „auf dieser Straße auch mit einer Prostituierten verwechseln können“. 34 der ermordeten Frauen hatten ihre lebensbedrohliche Situation ohne Erfolg bei den Behörden angezeigt. Unter den Todesopfern waren 27 Kinder, und 346 Kinder wurden über Nacht Opfer, weil ihre Mütter von den Vätern umgebracht wurden. 6667 Gewaltfälle begeleitete das „Büro zur Unterstützung von Gewaltopfern“ im vergangenen Jahr, und nach Einschätzung des Leiters Gonzalo Sansó „nimmt häusliche Gewalt gegen Frauen exponential zu“.

Selbsthilfeeinrichtungen geben Frauen neue Lebensperspektive

Auf der anderen Seite beobachtet Sansó, werde „das Problem immer sichtbarer, weil mehr Frauen sich zu Anzeigen durchringen, es gibt mehr stärkere Frauen, die den Mantel des Schweigens zerreißen“. Für Schlagzeilen sorgte der Fall Carolina Morales, die von ihrem Ehemann, einem hohen Regierungsbeamten und Gouverneurskandidaten in La Rioja, nach jahrelangen Gewaltexzessen mit Benzin übergossen und angezündet worden war, und die sich nach mehreren chirurgischen und plastischen Operationen mit dem Appell an die öffentlichkeit wandte “Wir Frauen dürfen nie wieder schweigen“.

Mit zur Aufklärung bei tragen auch Einrichtungen wie die „Casa Juana Manso“ oder der „Hogar Sol Naciente“, Selbsthilfeeinrichtungen von Frauen, die staatlicher Lethargie entschlossene Aktivität entgegensetzen. Hier finden Frauen, die oft als einzigen Ausweg aus permanenter häuslicher Gewalt ein Leben auf der Straße gewählt haben, nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch eine neue Lebensperspektive. „Es gibt kaum Angebote für das Danach“, kritisiert Sabrina Landroni, Beauftragte des Programms Gewalt gegen Frauen der Avon-Stiftung in Buenos Aires. Die Casa Juana Manso oder Sol Naciente sind eine der wenigen Ausnahmen: Hier werden die Frauen nicht nur medizinisch, juristisch und sozial betreut, sondern können über das Erlernen einfacher Berufe wie Friseuse, Maniküre oder Bäckerin wieder in ein eigenständiges Berufsleben zurückfinden.

Autor: Gottfried Stein, Buenos Aires