Kolumbien |

Wenn Ingenieure zu Sozialarbeitern werden

Wenn Maria Rodriguez frühmorgens in einen der großen blauen Busse steigt, dann strahlt sie über das ganze Gesicht. "Früher habe ich fast zwei Stunden bis zur Arbeit gebraucht, heute sind es nur noch 40 Minuten", sagte die 45 Jahre alte Kellnerin. Die kräftige Kolumbianerin ist alleinerziehende Mutter, ihre drei Kinder hat sie früher kaum zu Gesicht bekommen. Zehn bis zwölf Stunden schuftet Maria in einem kleinen Restaurant im Zentrum von Cali. Doch jetzt ist alles anders: Seit ein paar Monaten gibt es ein neues Nahverkehrssystem, dass das Leben der selbstbewussten Frau auf den Kopf gestellt hat. "Ich habe jetzt jeden Tag zwei, drei Stunden Zeit für meine Kinder. Wir können uns jetzt mit einander unterhalten, sie sind nicht mehr ganz so auf sich allein gestellt. Ich kann mich um sie kümmern."

Pannen, Verspätungen, Fahrplanchaos: Busverkehr in der kolumbianischen Millionenmetropole Cali glich in der Vergangenheit eher einem Glückspiel. Mit deutscher Hilfe konnte die Stadt jetzt Ordnung in die Busverbindungen bringen und damit auch aktive Sozialarbeit leisten.

Cali, mit rund 2,5 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt in Kolumbien, stand nahe am Verkehrsinfarkt. Bislang herrschte auf den Straßen ein kaum noch beherrschbares Chaos. Busse hielten abrupt, wenn am Straßenrand Fahrgäste den Arm heben. Die überwiegend veralteten Gefährte bleiben oft liegen, die Reparatur erfolgt dann trotz wütender Autofahrer auf der Straße. Endlos lange Staus machten den Weg zur Arbeit zu einer Tortur. Die chronische Luftverschmutzung ist ein weiteres Übel.

Doch die Stadtverwaltung hat dem alltäglichen Verkehrsdesaster in der Stadt den Kampf angesagt. Und deutsche Ingenieurskunst hatten daran einen wesentlichen Anteil. Die Software-Firma IVU Traffic Technologies aus Berlin half den öffentlichen Personenverkehr in Cali völlig neu aufzubauen. Das Ziel: Einem der chaotischsten Städte Lateinamerikas durch ein pünktliches Transportsystem zu ein bisschen mehr Lebensqualität zu verhelfen.

Was in Deutschland fast immer genau auf die Minute funktioniert, wird nun auch in Lateinamerika umgesetzt: Die Deutschen haben die wesentlichen Systeme zur Planung, Durchführung und Abrechnung der Verkehrsleistungen installiert. In der Betriebsleitzentrale und in den Bussen sorgt die IVU-Software dafür, dass die Kommunikation von Zentrale, Fahrern und deren Fahrzeugen reibungslos funktioniert.

Für IVU-Chef Ernst Denert ist die Aufgabe in Kolumbien mit einem Auftragsvolumen von rund 17 Millionen Euro nicht nur der größte in der bisherigen Firmengeschichte, er ist auch der abenteuerlichste: Über zehn deutsche Expertinnen und Experten waren und sind in der "Hauptstadt des Salsa" damit beschäftigt, dem täglichen Chaos den Garaus zu machen. Die Implementierung der Systeme soll Ende 2009 abgeschlossen sein.

"Wir wollen weniger Staus, kürzere Fahrzeiten, eine bessere Verkehrsführung und attraktive Preise im öffentlichen Personennahverkehr", erläutert Denert die ehrgeizigen Vorgaben der Auftraggeber. Besonders wichtig: Die Luftverschmutzung durch die alten Kleinbusse soll verringert und die Zahl der Verkehrstoten gesenkt werden - Pünktlichkeit und Ordnung "Made in Germany" in einem Land, in dem Uhren bislang anders tickten.

Besonders ein kleines Detail an den Haltestellen hat bereits für Furore gesorgt: Dank der neuen Steuerung werden dort Informationen über die tatsächlichen Abfahrtzeiten der Busse künftig angezeigt. Zudem können sich Fahrgäste per Internet über Routen und Verbindungen informieren. Ob das mit der gelassenen südamerikanischen Lebensart zu vereinbaren ist, wird sich zeigen. Die Bürger von Cali müssen sich ebenso wie die Fahrer auf einen neuen Transportrhythmus einstellen. Bei denen hat Denert bereits erste Anzeichen für positive Resonanz entdeckt: "Die Busfahrer liefern sich bereits einen Wettbewerb, wer am pünktlichsten sein Ziel erreicht."

Wenn die Pünktlichkeitsrevolution in Kolumbien erfolgreich ist, hofft Denert zudem auf Folgegeschäfte. "Wir gehen davon aus, dass Cali als Referenzobjekt auch andere von unseren Dienstleistungen überzeugt. Vor allem aber bedeutet der Auftrag in Cali für uns echtes Wachstum. Er ist ein wichtiger Schritt in den lateinamerikanischen Markt." Die deutsche Pünktlichkeit soll bald auch in anderen lateinamerikanischen Metropolen Einzug halten. In der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile scheint dies zu gelingen. Anfang des Monats erhielten die Berliner zu Zuschlag für ein neues Mammutprojekt.

All das interessiert Maria Rodriguez herzlich wenig: Die robuste Kolumbianerin ist einfach nur glücklich, "dass mir der liebe Gott ein paar Stunden am Tag mit meiner Familie geschenkt hat."

Autor: Tobias Käufer