Argentinien |

Wenn das Leben einem nicht mehr gehört

Eingesperrt und zusammengepfercht: Auf einem großen Landwirtschaftsbetrieb rund 450 Kilometer von Buenos Aires entfernt schufteten und lebten 205 Bolivianer unter sklavenähnlichen Bedingungen. Vergangene Woche wurden sie auf Anordnung des Ministeriums für Sicherheit in einer Großaktion befreit.

Wöchentlich, manchmal täglich, berichten in letzter Zeit argentinische Medien über die Rettung von zur Arbeit gezwungenen Menschen. Auf was die Sicherheitsleute bei den Durchsuchungen stoßen, scheint manchmal unwirklich. So trafen sie in einer illegalen Nähwerkstatt auch schon auf eine Frau, die mit Fußfesseln am Boden festgemacht war. Damit sie am Platz bleibt - und stundenlang näht.

Ausbeutung und Prostitution

Kinder, Frauen und Männer werden in Argentinien in landwirtschaftlichen Betrieben und in Nähereien versteckt ausgebeutet. Vielen von ihnen hat man eine gute Arbeit kilometerweit weg von Zuhause versprochen. Eben angereist in die fremde Stadt, werden ihnen Ausweis oder Pass weggenommen. Die Opfer kommen aus den untersten sozialen Schichten, meistens aus den ärmeren nördlichen Provinzen Argentiniens oder den Nachbarländern Paraguay, Peru und Bolivien. Jungen Frauen wiederfährt oft ein anderes Schicksal: In Bordellen zwingen sie Zuhälter unter Drohungen und Schlägen zur Prostitution.

Halbe Million Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen

Nach Angaben der Organisation La Alamada arbeiten im südamerikanischen Land über eine halbe Million Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen. La Alamada setzt sich für die Befreiung von Ausgebeuteten ein. Ihre Mitglieder protestieren vor Fabriken und Unternehmen, wo Sklavenarbeit gemeldet wurde. Manchmal stürmen sie Bordelle und suchen nach gefangen gehaltenen Frauen. La Alamada gehört außerdem dem Netzwerk "Red No a la Trata" an. Dieses registrierte in den vergangenen achtzehn Monaten 600 Frauen, die im Land für die sexuelle Ausbeutung entführt worden sind.

254 Hausdurchsuchungen

Nach Angaben des 2010 veröffentlichten Berichts des US-Außenministeriums zu Menschenhandel wurden 2009 rund 254 Hausdurchsungen in Argentinien durchgeführt. Dabei wurden 421 Opfer gerettet. Der Bericht macht zugleich deutlich, dass der südamerikanische Staat auch Transitland für Menschenhandel ist. Die Opfer würden über Argentinien nach Chile, Brasilien, Mexiko und einige sogar nach Europa gebracht.

Buenos Aires scheint auf dem ersten Blick eine Stadt mit europäischen Standard und Regeln. Blickt man hinter die Fassaden, merkt man schnell, dass dem nicht so ist. Ende März verurteilte auch Kardinal Jorge Bergoglio die Sklavenarbeit in der Hauptstadt. "Mit Schmiergeldern ist hier alles möglich", sagte der Erzbischof in einer Messe. Fährt man außerdem ein paar Minuten über die Stadtgrenze hinaus, bröckelt Buenos Aires´ mondänes Anlitz schnell.Besonders gegen Süden sind viele Ortschaften heruntergekommen mit ärmlichen Behausungen. Dort werden zahlreiche illegale Nähwerkstätten betrieben.

Spezialeinheiten

Seit 2008 sind Sklavenarbeit und sexuelle Ausbeutung in Argentinien strafbar. Mehrere Spezialeinheiten gegen den Menschenhandel sind auf nationaler und regionaler Ebene gebildet worden, Hausdurchsuchungen haben zugenommen und die Zahl angemeldeter Arbeitskräfte ist gestiegen. Im US-Bericht werden die Fortschritte gelobt, dennoch genügten die Bemühungen der Regierung nicht. Zu wenige Gerichte etwa hätten Menschenhändler verurteilt. Und korrupte Polizisten, Richter und Politiker verhinderten effektive Maßnahmen gegen die Sklavenarbeit.

Wenn es um fachliche Betreuung der Opfer geht, mangelt es ebenso an staatlichen Institutionen. Besonders Nichtregierungs-Organisationen und kirchliche Stellen kümmern sich um die Befreiten und ihre Angehörigen. Sitzend protestierten letzten Mittwoch Parlamentarier und Mitglieder sozialer Bewegungen vor dem Kongresshaus in Buenos Aires. Sie fordern bis Mitte des Jahres eine Reform des Menschenhandel-Gesetzes. Ein Entwurf liegt im Kongress bereits vor, aber die Mühlen mahlen langsam. Die Demonstranten verlangen, Menschenhandel als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzusehen.

Autorin: Camilla Landbö, kna