Haiti |

Weg aus dem Elend

Die Überlebenden der Katastrophe sind schon angekommen: "Sie klopfen an unsere Türen und bitten um Hilfe. Wir dürfen sie nicht enttäuschen", fordert der Bischof von Fort Liberte, Chibly Langlois. Gemeint sind Flüchtlinge aus den zerstörten Regionen rund um Haitis Hauptstadt Port-au-Prince, die vor dem Chaos und den Nachbeben in den äußersten Nordosten des Karibikstaates geflohen sind. Hier, an der Grenze zur Dominikanischen Republik, sind die Auswirkungen des verheerenden Erdbebens nicht ganz so katastrophal wie rund um Port-au-Prince.

Ein Grund, weswegen Staatspräsident Rene Preval ankündigte, insgesamt eine halbe Million Haitianer aus der Region rund um die Hauptstadt ins Innere der Insel Hispaniola zu bringen, die sich Haiti und die Dominikanische Republik teilen. Angesichts solcher Pläne sorgt sich Bischof Langlois um eine gerechte Verteilung der Hilfsgüter. "Die Landesteile, die nicht so hart getroffen wurden, aber jetzt einen enormen Ansturm von Flüchtlingen zu bewältigen haben, benötigen dringend Unterstützung, um die Probleme lösen zu können", wiederholt der Kirchenmann beinahe gebetsmühlenartig.

Diese und andere Episoden zeigen: Nach den Erdbeben wächst die Angst vor einer riesigen Flüchtlingskatastrophe. In der Dominikanischen Republik tobt deshalb bereits seit längerem eine Debatte über den Umgang mit dem Leid im Nachbarstaat. Der Vorschlag von Flüchtlingsorganisationen, in dem Urlaubsparadies ein Lager für die haitianischen Opfer einzurichten, stößt auf heftigen Widerstand. "Es kann nicht die Lösung sein, dass 100.000 Haitianer einfach fliehen und hinter der Grenze ein Lager aufschlagen. Wir müssen die Probleme in Haiti lösen, damit wir den Menschen helfen können", sagt etwa der katholische Pfarrer Regino Martinez von der dominikanischen Menschenrechtsorganisation Solidaridad Fronteriza.

Auch im US-amerikanischen Florida fürchten sich die Behörden vor einem Massenexodus. Eine Invasion von haitianischen "Boat-People", die versuchen, in Schiffen auf eigene Faust über das Meer in den US-Bundesstaat zu gelangen, wollen die US-Amerikaner um jeden Preis verhindern. Immerhin: Zumindest die Haitianer, die schon vor dem Erdbeben auf illegalem Wege in die Vereinigten Staaten gelangten, können mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung rechnen. Diese Praxis sorgte bereits für einen Registrierungsansturm in Miami.

Willkommen ist dagegen eine andere Gruppe: Mehr als 14.000 haitianische Waisenkinder will das Erzbistum von Miami aufnehmen, berichten US-amerikanische Medien. Das Vorhaben ist allerdings umstritten. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef und andere warnen vor überstürzten Adoptionsprogrammen. Bereits nach der kubanischen Revolution gab es Anfang der 1960er Jahre eine ähnliche Aktion. Ob es nun zu einer Massenankunft haitianischer Kinder kommt, ist allerdings fraglich. Die notwendige Zustimmung der Regierung von Präsident Barack Obama steht noch aus. Experten rechnen nicht mit einer Zusage.

Grundsätzlich gern gesehen wären die Haitianer ausgerechnet in einem Teil der Erde, der seinerseits mit Armut und Hunger zu kämpfen hat. Senegals Präsident Abdoulaye Wade bot in dieser Woche den Opfern des Erdbebens die "Rückkehr in die alte Heimat" an. In dem afrikanischen Staat könnten die Flüchtlinge eine Region in der fruchtbaren Ebene besiedeln. Wade beruft sich auf die historischen Wurzeln Haitis: Der Karibikstaat sei vor Jahrhunderten von afrikanischen Sklaven und ihren Nachkommen urbar gemacht worden. Jeder Haitianer, der einen Neuanfang suche, sei eingeladen, in den Senegal "zurückzukehren". Dort warte unentgeltlich ein Stück Land und eine Unterkunft, so Wade.

Text: Tobias Käufer, kna