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Wasserkraftwerk Urrá: Zweiter Akt einer Tragödie?

Das Wasserkraftwerk Urrá, in der Gemeinde Tierralta-Córdoba im Nordwesten Kolumbiens gelegen, war nicht gerade ein billiges Projekt: Es verschlang 1,2 Milliarden Dollar. Bereits 1999 lagen verheerende Umweltschäden offen zu Tage und die Regierung wurde, erfolglos, alarmiert. Die Fluss-Schifffahrt kam für immer zum Erliegen – ein schwerer Schlag für das indigene Volk der Embera. Sümpfe und Feuchtgebiete gerieten in die Hände von Landbesitzern und Mafiosi. Sie bepflanzten umfangreiche Flächen mit ölpalmen und anderen Bäumen. Rund 70.000 Familien, denen der Río Sinú bis dahin die Lebensgrundlage geliefert hatte, waren von der Inbetriebnahme des Wasserkraftwerks Urrá I betroffen.

Kraftwerkbetreiber ignoriert das Gesetz

Ein Urteil des kolumbianischen Verfassungsgerichts sprach den betroffenen Gemeinden zwar im März 1999 Unterstützung zu, doch ignorierte der Kraftwerksbetreiber die Entscheidung ebenso wie internationale Abkommen. Naiv, wer glaubte, die Indigenen könnten sich unter Berufung auf das Gesetz gegen mächtige ökonomische Interessen durchsetzen. Widerstand war lebensgefährlich, der friedliche Protest kostete mehrere indigene Anführer das Leben. Gegen die von dem Kraftwerk betroffene Bevölkerung wurde ein Klima der Kontrolle und der ständigen Bedrohung aufrechterhalten, damit niemand eine abweichende Stimme erhebe.

ökosystem auf den Kopf gestellt

Die gravierenden Umweltschäden nahmen kein Ende. Die Nebenflüsse des Río Sinú änderten ihren Lauf als Folge von dessen Wasserschwund. Entlang der Flüsse kam es zu einer immer stärkeren Bodenerosion, fruchtbares Land wurde weggeschwemmt: in Sümpfe, die in der Folge austrockneten. Es entstand ein vollkommen neues ökosystem, das sich der Abholzung anpasste. Die Betreiber des Wasserkraftwerks zerstörten innerhalb weniger Jahre von 4.600 Quadratkilometern Tropenwald über 140, und mit diesen Flora und Fauna. Viele Vogelarten haben ihre Nistplätze verloren, andere sterben infolge des Verschwindens ihrer Nahrungsquellen. Und die Zugschmetterlinge kehren schon lange nicht mehr zurück. Es handelt sich um einen unwiederbringlichen Verlust für die gesamte Menschheit.

Das Elend der einen bedeutet den Gewinn der anderen

Doch die lokale Bevölkerung aus Indigenen und Afrikanischstämmigen lässt nicht locker in ihrem Kampf. Sie will die internationale Staatengemeinschaft aufrütteln. Die Schäden, die das Wasserkraftwerk verursacht hat, sind nicht nur ökologischer und sozialer Natur, sondern besitzen auch wirtschaftlichen Charakter. Die Betreiber von Urra I haben auf die Proteste mit einer Strategie des „Teile und herrsche“ reagiert und die Einheit der Indigenen aufgebrochen. Währenddessen befindet sich längst ein Wasserkraftwerk Urrá II in Planung. Dieses droht noch mehr äquatorianischen Tropenwald zu zerstören. Über acht Dörfern des indigenen Volkes der Zenú schwebt das Damoklesschwert. Während die einen Armut und Elend erwarten, hoffen Unternehmen und Kolumbiens Regierende auf üppige Gewinne. In den Fluten von Urra II verschwänden nicht nur die rituellen Plätze der Indigenen, sondern ihre gesamte Kultur.

Autor: Ramón Alcides Avida Peralta

Quelle: adital.com , deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel