Kolumbien |

Vor 45 Jahren starb Camilo Torres

Am 17. Februar 1966 gab der Kommandeur der Fünften Brigade der kolumbianischen Armee bekannt, dass beim Überfall von zwei Dutzend „Banditen“ auf eine Militärstreife im Cañon de Pilar, Gemeinde San Vicente de Chucurí, vier Soldaten und fünf Angreifer getötet worden seien, unter den letzteren Camilo Torres Restrepo. „Camilo Torres ist tot!“ Diese Nachricht erregte weltweites Aufsehen. Denn der Priester Camilo Torres, der sich am kurzen Ende eines langen Weges der Guerrilla angeschlossen hatte, war eine der berühmtesten und umstrittensten Persönlichkeiten Lateinamerikas in den 1960er Jahren, für die einen ein gefährlicher Wirrkopf, für andere ein Märtyrer, ja ein Heiliger. Und alle fragten sich: Wie konnte es dazu kommen, dass „ausgerechnet ein Priester“ diesen damals unerhörten Schritt tat?

… eines Menschen Zeit (Hiob 10,5)

Die Daten und Etappen seiner Lebensgeschichte sind schnell genannt: geboren am 3. Februar 1929 in eine wohlhabende, antiklerikale Familie in Bogotá, Besuch der dortigen Deutschen Schule (Colegio Alemán), nach Aufnahme des Jurastudiums und Verlobung die Kehrtwende: der Entschluss (gegen den Willen der Eltern), Priester zu werden, 1954 Priesterweihe, danach Studium der Soziologie in Löwen (Belgien), 1959 Rückkehr nach Kolumbien, wirkungsvoller, vielgefragter Studentenseelsorger und Professor für Soziologie, 1962 entlassen, weil er sich für zu Unrecht relegierte Studenten eingesetzt hatte, weiterhin von seinem Erzbischof mit wichtigen Aufgaben betraut: Dekan der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Delegierter der Kirche in der Leitung des Kolumbianischen Instituts für Landreform, zahlreiche Studien zur Soziologie der kolumbianischen Gesellschaft und Projekte für Reformen zur Überwindung der Kluft zwischen Arm und Reich, schnelle Radikalisierung seiner Analysen und Forderungen, Vortrag beim Kongress „Pro Mundi Vita“ in Löwen im September 1964 über „Die Revolution: ein christliches Gebot“, im Dezember 1964 die Zusage, Sprecher eines Bündnisses „nonkonformistischer“ Gruppen zu werden, im Juni 1965 die Bitte an seinen Erzbischof, ihn von seinen priesterlichen Aufgaben zu entpflichten, am 18. Oktober 1965 der Eintritt in die Guerrillatruppe ELN. Nur vier Monate später das erste Scharmützel, am 15. Februar 1966. Sein Tod.

Sie breiten Stricke aus zum Netz und stellen mir Fallen. (Ps 140,6)

Im September 1965, neun Monate, nachdem sie Camilo Torres gedrängt hatten, die Führung ihrer revolutionären „Einheitsfront“ zu übernehmen, war diese durch Zerstrittenheit und Unfähigkeit zerfallen. Camilo Torres hatte nicht das Organisationsvermögen, dem zu wehren, schlimmer noch: weil er meinte, alles allein machen zu müssen (seine priesterliche Prägung!), stieß er Mitstreiter vor den Kopf. Zudem war er den Mechanismen der Politik nicht gewachsen. Er verstand nicht, dass er Kompromisse hätte eingehen müssen und Seilschaften schmieden. Er war idealistisch, nicht realistisch. Er wollte nicht sehen, dass „das Volk“, anders als von ihm behauptet, nicht nach Aufstand verlangte, sondern von Gewalt genug hatte. Die Studenten in Bogotá hatten ihn verstanden, die Bauern, die er zu „agitieren“ suchte, verstanden ihn nicht – und er sie nicht.

Als sich zuletzt auch die Kommunistische Partei Kolumbiens von ihm abwandte (sie hatte aus Moskau keine Freigabe für die Revolution erhalten), flüchtete Camilo Torres – isoliert, gescheitert und verzweifelt – in die Guerrilla. Angesichts der zunehmenden Repression der „Sicherheitskräfte“ gegen die „Einheitsfront“ und der Morddrohungen gegen ihn selbst wollte er „lieber mit der Waffe in der Hand“ sterben. So geriet er in die Fänge derer, die sich seinen noch immer legendären Namen zunutze machten, und in den Terror derer, die anderen das Heil zu bringen vorgaben.

Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde. (Jo 15,13)

Camilo Torres war ein Menschenfischer, er strahlte Lebensfreude und Witz aus, er war attraktiv: Niemand, der ihm begegnete, konnte sich ihm entziehen. Er war von ganzem Herzen Seelsorger. Wenn jemand ihn in Gottesfragen um Rat ersuchte, ließ er alles andere stehen und liegen – nur eines nicht: die Feier der hl. Messe: „Für mich ist das Wichtigste am Priestersein die Eucharistie, die innige Verbindung mit Christus, die sakramentale Vereinigung mit ihm. … Aber es scheint mir eine Beleidigung und ein Angriff auf Christus selbst zu sein, wenn unsere Eucharistiefeier nicht gleichzeitig der Höhepunkt unserer menschlichen Sorge, Ehrfurcht und Liebe ist.“ Deshalb schließt der priesterliche Dienst den prophetischen Dienst ein: Unrecht zu benennen und um Gottes Willen für Gerechtigkeit zu kämpfen. Auch seinen letzten Schritt, gegen die „strukturelle Gewalt“ (so die Bischöfe Lateinamerikas 1968 bei der Bischofsversammlung in Medellín) mit der Gewalt der Guerrilla zu antworten, verstand er als priesterlichen Dienst. An diesem letzten Punkt konnten seine Freunde ihm nicht mehr folgen. Auch da, wo die Wege sich trennten, wussten sie um seine Lauterkeit und wussten sich ihm verbunden, trotz alledem. Dom Helder Camara schrieb an Camilos Mutter: „Ich habe die Gewissheit, dass vom Himmel her Camilo … mich segnet.“

Die Debatte um sein Vermächtnis entflammte Lateinamerika. Binnen Jahresfrist wurden, so weist eine von Ivan Illich in Cuernavaca herausgegebene Bibliographie nach, 1.177 Bücher und Artikel zu Camilo Torres und den von ihm angestoßenen Fragen publiziert. In Deutschland erschien die erste (übersetzte) Biographie, bezeichnenderweise in Ostberlin. Zwei Adveniat prägende Persönlichkeiten trugen maßgeblich dazu bei, dass Camilo Torres auch in Westdeutschland bekannt wurde: Hildegard Lüning verfasste eine dokumentengesättigte Biographie, Prälat Emil Stehle veröffentlichte mehrfach Reflexionen über und Erinnerungen an seinen Freund Camilo Torres.

Heute ist Camilo Torres in seinem Heimatland fast vergessen. Dass er mit der Guerrilla das Reich Gottes erzwingen wollte, erscheint kolumbianischen Jugendlichen des Jahres 2011, die mit „Guerrilla“ Drogen- und Menschenhandel verbinden, skurril. Das jüngste Buch in deutscher Sprache über Camilo Torres, ein dünner Aufguss älterer Biographien, erschien 1994. Die sieben letzten von einem Autor namens „Camilo Torres“ in der Deutschen Nationalbibliothek erfassten Titel sind Handbücher für Computernutzer.

In wenigen Jahren werden die EDV-Anleitungen jenes Camilo Torres Makulatur sein. Die belebende Irritation durch das ungedämpfte Leben und das radikale Lebenszeugnis des anderen Camilo Torres aber und auch seine Frage „Was Gott mit meinem Leben vorhat“ – die werden mir bleiben.

Autor: Michael Huhn