Kolumbien |

Von Armee und Guerilla belagert

Was Frieden bedeutet, können sich die Kinder der Ureinwohner in der Provinz Cauca im Südwesten Kolumbiens nicht vorstellen. In dem Gebiet der Nasa-Ethnie liefern sich die Armee und die linksgerichtete Guerilla seit langem heftige Kämpfe. Die Ureinwohner fordern nun eine Entmilitarisierung ihres Territoriums.

Auf die Frage nach ihrem größten Problem kennen Menschen jeden Alters in der Gegend nur eine Antwort: der Krieg. Auf dem Gebiet der Vereinigung Indigener Räte in Nord-Cauca (ACIN) leben etwa 105.000 Menschen. Die meisten gehören zur Volksgruppe der Nasa. Hinzu kommen Mitglieder der Guambiano-Etnie, Mestizen und Schwarze.

Die abgelegene Straße, die zur der größten Nasa-Stadt Toribío führt, windet sich an steilen Bergen entlang und folgt dem Lauf des Palo-Flusses. An den Hängen wachsen Kaffee, Koka und Marijuana.

Jeden Tag bringen frühmorgens Boten auf Motorrädern riesige Säcke mit Koka-Blättern zu zwei Laboratorien hoch im Gebirge. Diese Mittelsmänner holen die Ernte bei den Bauern ab, die die Pflanzen für Kokainproduzenten kultivieren. Die zerstampften Koka-Blätter werden eingeweicht, mit Hilfe von Chemikalien aufgelöst und dann zu Kokain weiterverarbeitet.

Viel verdienen können die Kokabauern nicht. Für jede Maßeinheit von 12,5 Kilo erhalten sie umgerechnet etwa 20 US-Dollar. In der Erntezeit oder während der Militäroperationen verdoppeln sich die Preise allerdings. Die Bauern, die für die Kokainindustrie arbeiten, sind keine Mitglieder der Gemeinderäte.

Konflikt hat sich verschärft

Die Auseinandersetzungen haben sich verschärft, seit die Armee davon ausgeht, dass der Chef der Rebellenbewegung FARC, Alfonso Cano, in dem Gebiet mitten in den Anden sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. Die größte kolumbianische Guerillagruppe, die seit 1964 aktiv ist, verübte im Juli dieses Jahres einen Bombenanschlag auf die Polizeiwache von Toribío. Das Gebäude blieb zwar nahezu unversehrt, doch die umliegenden Häuser wurden komplett zerstört. Offenbar vermuteten die Rebellen darin Soldaten. Offiziell wurde aber nichts über getötete Militärangehörige bekannt.

Auch über das Schicksal der drei Polizisten, die einem Augenzeugen zufolge von Rebellen verschleppt wurden, hat niemand etwas erfahren. "Sie wurden gefesselt, in schwarze Plastikfolie gesteckt und auf die Ladefläche eines Lasters verfrachtet", berichtet der Zeuge, der zu einem indigenen Wachtrupp gehört.

Zunahme der Militärpräsenz

Die Militärpräsenz im Norden von Cauca hat in einem raschen Tempo zugenommen. Die Armee hatte noch nicht einmal Zeit, eigene Gebäude zu errichten. In der Stadt Caloto, die am Fuße der Berge liegt, sind die Soldaten bisher in einer Sporthalle untergebracht.

Im Juli wurde ein Spezial-Bataillon mit 800 Soldaten in ein strategisch günstig gelegenes Bergdorf entsandt. In Buena Vista gibt es bereits Notquartiere für Menschen, die durch den Bürgerkrieg aus ihren Dörfern vertrieben worden waren. In der Region leistet auch das EU-Amt für Humanitäre Hilfe (ECHO) Unterstützung. Die Flüchtlinge kündigten Proteste für den Fall an, dass die Armee in dem Dorf Unterkünfte für ihre Soldaten bauen sollte.

Notquartiere überfüllt

"Der Konflikt hält sich an keinen Zeitplan", sagt Albeiro Quihuanáz, der einer Kommission zum Schutz der Bevölkerung angehört. "Manchmal dauern die Gefechte drei bis sechs Stunden, andere Male drei bis fünf Tage." Wenn die Anwohner wegen der Kämpfe nicht an Lebensmittel oder andere wichtige Güter kommen, wird für sie mehrmals pro Woche ein Hilfstreck mit Nachschub organisiert.

Die Notquartiere sind völlig überfüllt. "Manche Leute brauchen dringend eine ärztliche Behandlung. Außerdem benötigen sie Feuerholz, Salz, Streichhölzer und Matratzen", sagt Quihuanáz.

Soldaten und Rebellen neuerdings in kleinen Gruppen unterwegs

"Der Konflikt intensiviert sich, weil sich die Strategien verändern", erklärt der Leiter der Kommission ´Tejido de Defensa de Vida´ (´Gewebe zum Schutz des Lebens´), Edilfredo Rivera. "Früher bewegten sich sowohl die Rebellen als auch die Armee in größeren Gruppen fort. Die indigenen Gemeinden konnten rechtzeitig abschätzen, wann es zu Zusammenstößen kommen würde." Laut Rivera werden inzwischen aber nur noch kleine Kommandos in Bewegung gesetzt. Dadurch entstehe viel mehr Schaden.

Das Nasa-Volk wirft der kolumbianischen Regierung vor, sich weder an die Gesetze des Landes noch an internationale Abkommen zu halten, die indigenen Ethnien ein Recht auf Selbstverwaltung einräumen. Der gleiche Vorwurf richtet sich gegen die Guerilla.

Vergewaltigungen und Morde

"Jeden Tag werden Menschen getötet und Minderjährige als Kämpfer rekrutiert", beklagte Quihuanáz. Es kommt zu Vergewaltigungen, Massakern und Bombenanschlägen. Mit der wachsenden Präsenz von Soldaten nehme auch die Umweltverschmutzung stark zu. Die Ureinwohner sähen sich von der Armee belagert, prangert er an.

Die Geduld der Nasa ist nun erschöpft. Am 12. Oktober wollen sie einen Protestmarsch beginnen, um den Abzug des Militärs von ihrem Territorium zu fordern. Um nicht als Feinde der Armee da zu stehen, wollen die Ureinwohner auch die FARC zum Rückzug bewegen. "Wir wollen nicht beschuldigt werden, auf der Seite der Guerilla zu stehen", erklärt Quihuanáz. "Deshalb müssen die Rebellen ebenso wie das Militär von hier fort."

Constanze Vieira, IPS-Weltblick