Kolumbien |

Vom Regen in die Traufe

Die Nachricht von der Versetzung überraschte selbst die in der Regel gut informierten kolumbianischen Medien. Bischof Julio Cesar Vidal wird aus der paramilitärischen Hochburg Monteria nach Cúcuta versetzt. Beide Regionen gelten als besonders sensibel. Das Gebiet um Cúcuta an der venezolanischen Grenze gilt als eines der Machtzentren der linksgerichteten Guerilla-Organisation Farc.

Fingerspitzengefühl und politisches Gespür wird Vidal auch dort brauchen. Er wird Nachfolger des im vergangenen Jahr gestorbenen und äußerst populären Bischofs Jaime Prieto. In der Region waren in den vergangenen Jahren in Zeiten der diplomatischen Krise zwischen Kolumbien und Venezuela die Auswirkungen des Streits zwischen den Nachbarn stets besonders deutlich zu spüren.

Bischof wollte Verhandlungen mit Paramilitärs

Die Versetzung kommt für die kolumbianische öffentlichkeit überraschend. "Der Bischof geht", lautet die Schlagzeile der örtlichen Tageszeitung "El Meridiano", die über die Hintergründe der Entscheidung nur spekulieren kann. Vidal, seit zehn Jahren Bischof in Monteria, war in den letzten Monaten über die Grenzen seiner nordkolumbianischen Diözese bekannt geworden, weil er sich für eine Verhandlungslösung im Konflikt des Staates mit den illegalen, rechtsgerichteten paramilitärischen Verbänden aussprach. Mehr als 5.000 Mitglieder der sogenannten neuen illegalen bewaffneten Organisationen - in Kolumbien kurz "Bacrim" genannt - wollten sich nach Angaben Vidals dem Gesetz unterwerfen. Vidal wies immer wieder auf die Probleme in seiner Diözese hin. Das machte ihn bei Entscheidungsträgern des Staates nicht unbedingt beliebter.

Gefürchtete Gruppierungen wie die Los Rastrojos, Las Aguilas Negras, Los Urabenos oder Los Paisas verbreiten seit Jahren Angst und Schrecken und sind als Nachfolgeorganisationen der entwaffneten paramilitärischen Kräfte längst in deren Rolle geschlüpft. Direkte Gespräche mit den Spitzen der Verbrecherbanden führte Vidal nicht; die Kommunikation lief nach eigenen Angaben stets per E-Mail: "Ich habe mich mit ihnen nicht getroffen, aber sie schreiben mir unter ihren verdeckten Namen."

Bischof Vidal kennt die Berichte über Verbrechen und Grausamkeiten der paramilitärischen Verbände in seiner Diözese genau. Im April wandte er sich an die öffentlichkeit, denn die Situation in der Region war mittlerweile unerträglich geworden: Die bewaffneten Banden erzeugten eine Instabilität und Furcht, die alles andere überlagerten, berichtete Vidal damals. Er wolle internationale Hilfsorganisationen um Unterstützung für seine Bevölkerung bitten.

Rotes Kreuz plant neues Büro

Der Hilferuf wurde erhört. Vor wenigen Tagen kündigte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Bogotá die Eröffnung eines Büros in der nordkolumbianischen Stadt an. "Uns besorgt der Anstieg der humanitären Vorfälle an der Atlantikküste", erklärte IKRK-Sprecher Maryse Limone. Das Bemühen, die Gewalt und die Probleme öffentlich zu machen, zahlen sich nun aus.

Die Regierung in Bogotá lehnt Verhandlungen mit den Paramilitärs bislang ab. Mehr noch: Es mehrten sich Stimmen aus dem Umfeld von Staatspräsident Juan Manuel Santos, aber auch aus der katholischen Kirche, die Vidal ermahnten, weniger Druck in der öffentlichkeit auszuüben.

Vertreter der paramilitärischen Verbände hatten sich jedoch bereits im vergangenen Jahr mit der Bitte um Vermittlung an den Bischof gewandt. Jetzt kommt endlich Bewegung in die Sache: "Die Regierung hat einen Spalt für Verhandlungen geöffnet", meint Vidal. Einen möglichen Gesprächsmarathon wird Vidal nun aus dem fernen Cúcuta beobachten.

Autor: Tobias Käufer (kna)