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Verzweiflung treibt junge Indigene in den Selbstmord

Efraín Jaramillo arbeitete an der als Buch erschienenen Studie „Selbstmorde Heranwachsender bei indigenen Völkern. Drei Fallstudien“ mit, die anhand von Beispielen aus Brasilien, Kolumbien und Peru den Fokus auf ein verschwiegenes Thema richtet. Der Anthropologe spricht Klartext: „Die Indigenen sind nicht mehr allein in einer Welt, die früher ihnen gehörte, die sie beherrschten, und die ihnen ein würdiges Leben garantierte. Die Gemeinschaften, die heute weit überdurchschnittlich von Selbstmorden betroffen sind, waren früher Könige über ihr Land. Es gab keine Konflikte – weder mit Siedlern, noch mit Holzfällern, noch mit all jenen, die danach trachten, sich die natürlichen Ressourcen der Indigenen unter den Nagel zu reißen. All dies ist heute nicht mehr möglich.“

Überforderung der Mädchen im Haushalt

Das Gespenst des Selbstmords sucht vor allem die jungen Indigenen heim, die gefangen sind zwischen einer unbefriedigenden Gegenwart und einer nicht bestehenden Zukunft. Bei den Mädchen kommen noch Gewalt und sexuelle Missbräuche hinzu. Jaramillo erklärt: „Die Mädchen werden von ihrer Umgebung misshandelt und zu sehr harten Arbeitstagen gezwungen. Sie müssen kochen, die Wäsche waschen, dabei gleichzeitig auf ihre kleinen Geschwister aufpassen und auch noch kunsthandwerkliche Gegenstände herstellen, damit die Familie irgendein Einkommen hat. Eine deprimierende Situation, die den Mädchen den Drang nimmt, vorwärts zu kommen, denn sie glauben, dass ein solches Leben keinen Sinn hat.“

Dunkelziffer weit höher

Es handelt sich nicht um außergewöhnliche oder isoliert stattfindende Fälle. In Brasilien zum Beispiel haben sich in den vergangenen 30 Jahren mehr als 600 Guaraní- Kaiowá das Leben genommen. 85 Prozent von ihnen waren jünger als 30 Jahre - die Jüngste gerade neun Jahre alt. Die wahren Zahlen dürften noch weit darüber liegen, denn über einen Suizid zu reden gilt unter Indigenen nach wie vor als Tabu.

Düster sieht es auch bei den Embera aus, die in Kolumbien bei Heranwachsenden die höchste Selbstmordrate aufweisen. Besonders gilt dies für die Gruppe der 10- bis 14-Jährigen. Die Embera bilden mit mehr als 70.000 Angehörigen das drittgrößte Volk in Kolumbien. Häufig wird der kolumbianische Bürgerkrieg als Erklärung für die hohe Zahl der Selbstmorde herangezogen, doch Anthropologe Jaramillo widerspricht – er kennt die indigenen Gemeinschaften durch seine Arbeit aus der Nähe. Zweifellos spiele der Bürgerkrieg auch eine Rolle, zwängen doch bewaffnete Gruppen und solche des organisierten Verbrechens indigene Familien zur Übergabe ihrer Kinder, um diese Arbeiten verrichten zu lassen. Und Mädchen würden immer wieder sexuell missbraucht. Hauptursache für die Selbstmorde unter den Embera – stets durch Erhängen - aber sei das Unbehagen, dass sie in ihrer Kultur empfänden. „Vor 40 Jahren lebten sie noch von der Jagd, von dem, was die Natur ihnen anbot. Sie waren Halbnomaden und übten eine große soziale Kontrolle über ihr Volk aus. Heute aber herrscht Hoffnungslosigkeit, weil man zusehen muss, wie die jungen Menschen aus anderen Campesino-Gemeinden vorankommen, während man selbst wie angewurzelt scheint. Dies führt zur Entscheidung für den Selbstmord als Antwort auf diese Art von Problemen.“

Junge Männer haben Option der Auswanderung

Die Isolierung betrifft vor allem die jungen Frauen – für die jungen Männer ist Auswanderung eine Option, die Mädchen verbleiben aufgrund ihrer Erziehung im familiären Umfeld. Es handelt sich bei den hohen Selbstmordzahlen freilich um kein lateinamerikanisches Phänomen: in Ozeanien oder Kanada gibt es indigene Gemeinschaften, in denen die Selbstmordrate der jungen Menschen 10- bis 40mal so hoch ist wie im nationalen Durchschnitt. Efraín Jaramillo sieht als einzigen Ausweg die Aneignung ihrer Gegenwart durch die Indigenen. Andernfalls neigten die Heranwachsenden dazu, ihre Zukunft zu zerstören. Große Bedeutung für die Identität der Indigenen hat vor allem das Land der Vorfahren. Es ist nicht nur ihr Zuhause, sondern bietet auch Nahrung und traditionelle Medizin. Hinzu kommt eine eigene Kosmovision. Die Menschenrechtsorganisation Survival International weist darauf hin, dass es sich beim Land um ein Erbe für künftige Generationen handele. Dessen Verlust oder Zerstörung löse bei den Indigenen mentales Leiden aus.

Autorin: Lucía Márquez

Quelle: servindi.org

deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel