Kolumbien |

Vergewaltigte Frauen ohne Schutz

" Was, noch eine Vergewaltigung?" Die Kolumbianerin Mari fühlte sich nicht ernst genommen, als sie der Generalstaatsanwaltschaft berichtete, was sie durchgemacht hatte. Sie sei dann aufgestanden und habe schnurstracks die Behörde verlassen, sagte sie der Menschenrechtsorganisation ´Amnesty International´.

Mari, die eigentlich anders heißt, fand im vergangenen Dezember endlich den Mut, die Gruppenvergewaltigung durch rechte Paramilitärs vor nunmehr zehn Jahren anzuzeigen. "Ich bin eine vertriebene, bedrohte und vergewaltigte Frau, und ich habe einen Sohn verloren", sagte die Kolumbianerin aus der westlichen Provinz Valle den Amnesty-Mitarbeitern.

Behörden stehen vergewalltigten Frauen nicht bei

Die Organisation stellte am 21. September in Bogotá einen Bericht über Opfer sexueller Gewalt in dem lateinamerikanischen Land vor. Darin wird der Justiz vorgeworfen, vergewaltigten Frauen nicht beizustehen. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) wurde aufgefordert, eine Frist für die Aufnahme von Ermittlungen über die Lage in Kolumbien festzusetzen. Der Report ist Teil der Amnesty-Kampagne für internationale Gerechtigkeit.

Kolumbianischem Staat Versagen vorgeworfen

"Trotz zahlreicher Initiativen, Gesetze, Dekrete und Strategien versagt der kolumbianische Staat dabei, die überlebenden Frauen und ihr Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung wirksam zu schützen", heißt es in dem Dokument. Amnesty hält den Regierungen des Landes im Kampf gegen die Straffreiheit bei Menschenrechtsverletzungen, insbesondere sexueller Gewalt, mangelnden politischen Willen vor

In Kolumbien ist ein Bürgerkrieg im Gang, der seinen Ursprung in gewaltsamen Auseinandersetzungen Mitte der vierziger Jahre hatte. Seit 1964 stehen sich Armee und linksgerichtete Guerilla feindlich gegenüber. Rechtsextreme Paramilitärs kamen 1977 hinzu. Ihre Verbrechen wurden von den Sicherheitskräften toleriert. Nach einem Demobilisierungsprozess der ´Paras´ von 2003 bis 2006 haben sich rechte Milizen neu formiert. Die Regierung bezeichnet diese Gruppen als ´bacrim´ (kriminelle Banden).

Vor allem Paramilitärs verantwortlich

Nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen sind die Paramilitärs für 75 Prozent aller während des Bürgerkriegs begangenen Menschenrechtsverbrechen verantwortlich. Den linken Rebellen werden 8,5 Prozent der 183 sexuellen Übergriffe gegen vertriebene Frauen angelastet, mit denen sich die Generalstaatsanwaltschaft nach einem Bahn brechenden Urteil des Verfassungsgerichts im Jahre 2008 befassen musste.

Die Sicherheitskräfte werden für 19,4 Prozent dieser Verbrechen verantwortlich gemacht, während den Paramilitärs in 45,8 Prozent der Fälle als Täter gelten. Nicht identifizierte bewaffnete Gruppen sollen 4,5 Prozent und gewöhnliche Kriminelle weitere vier Prozent der Vergewaltigungen begangen haben. Angehörigen der Familien der Opfer werden 1,5 Prozent der Übergriffe zur Last gelegt. In den übrigen Fällen konnten die Täter keinem Umfeld zugeordnet werden.

Anzeige birgt Lebensgefahr

Im September vergangenen Jahres verkündeten die Gerichte in fünf der 183 Fälle Schuldsprüche. In dem einzigen abgeschlossenen Verfahren, das einen Bezug zum Bürgerkrieg hatte, wurde ein angeklagter Paramilitär freigesprochen. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt. In 140 Fällen befinden sich die Ermittlungen noch in einem frühen Stadium.

Frauen, die die Verbrechen bei den Behörden anzeigen, bringen sich oft in Lebensgefahr. Vor allem in Gebieten, die von Sicherheitskräften und Paramilitärs kontrolliert werden, erhalten die Opfer unmittelbar nach einer Anzeige Todesdrohungen.

Drohungen per Telefon

Leidy, die ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will, wurde 2001 im Alter von 17 Jahren von Paramilitärs im Nordosten des Landes entführt, unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Als sie das Erlebte zum ersten Mal den Behörden meldete, wurde sie am Telefon eingeschüchtert und verfolgte die Anzeige nicht weiter.

Als sie weitere Erkundigungen in der Hauptstadt Bogotá einzog, erhielt auch ihre Mutter Drohungen. "Man kann diese Erlebnisse nicht zur Anzeige bringen, weil niemand weiß, in welchen Büros die Paramilitärs stecken. Keine Ahnung, wie sie herausfinden, wer unbequeme Fragen stellt. Warum sich keiner beschwert? Aus Angst, dass sie einem etwas tun", sagte Leidy gegenüber Amnesty. "Wir werden von niemandem geschützt."

Auch eine ebenfalls von den Menschenrechtlern befragte Mutter eines Vergewaltigungsopfers berichtete, an viele Türen geklopft zu haben, ohne dass ihr jemand geöffnet habe. Eine gemeinsame Untersuchung der Hilfsorganisation ´Oxfam´ und der kolumbianischen Frauenvereinigung ´Casa de la Mujer´ hat ergeben, dass 82 Prozent aller befragten Opfer sexueller Gewalt keine Anzeige erstattet haben.

Constanze Vieira, IPS-Weltblick