Brasilien |

Ureinwohner brauchen spezielle Gesundheitsberatung

Die mehr als 200 Ureinwohner‐Völker Brasiliens, die größtenteils in abgelegenen Regionen leben, stellen das staatliche Gesundheitswesen und die Schulmedizin vor große Herausforderungen. Um die Menschen angemessen versorgen zu können, benötigen Helfer genaues Wissen um den Glauben und die Gebräuche der einzelnen Gemeinschaften. Auch bei der Schwangerschafts‐ und Geburtsbegleitung pflegt jede Ethnie ihre eigenen Traditionen.

Silvia Angelice de Almeida arbeitet beim staatlichen Gesundheitsdienst FUNASA, wo sie sich speziell um die Belange der Ureinwohner kümmert. So weiß sie beispielsweise, dass mancherorts die Plazenta nach der Geburt in die Dorfgemeinschaft gebracht werden muss. Manche Ethnien bestehen auch darauf, dass alle ihre Angehörigen auf dem Territorium ihres Volkes geboren werden und auch dort sterben. Bei bestimmten Ethnien erhalten Schwangere einen speziellen Haarschnitt und eine besondere Körperbemalung.

„Natürlich gibt es die allgemeinen staatlichen Richtlinien für Kinder‐ und Schwangerschaftsmedizin. Wir haben aber festgestellt, dass wir mit den Ureinwohnern anders umgehen müssen“, sagte Almeida. So bezögen die Helfer traditionelle Heiler, Schamanen und Hebammen der Ethnien in ihre Arbeit mit ein. „Jedes Ureinwohner‐Volk hat andere Vorstellungen von Schwangerschaft. Das müssen unsere Mitarbeiter lernen“, erklärte die Koordinatorin. Sich einen Überblick zu verschaffen, sei allerdings schwierig, räumte sie ein.

Nach offiziellen Statistiken leben in Brasilien rund 460.000 Ureinwohner in 215 ethnischen Gruppen. Hinzu kommen schätzungsweise 100.000 bis 190.000 Menschen, die außerhalb ihrer traditionellen Territorien wohnen. Vermutlich gibt es darüber hinaus weitere Angehörige indigener Völker, die bisher keinen Kontakt zur Außenwelt haben.

Viele Ureinwohner leben im Amazonas‐Dschungel, wo es kaum Straßen gibt. Medizinisches Personal schafft es daher nur mit Mühe, in diese Gegenden vorzudringen. Durchschnittlich kann ein Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes ein Amazonas‐Dorf nur einmal im Monat besuchen. Die Schwangeren werden dort vorwiegend von ihren Familien und Dorfhebammen betreut.

Um auf traditionelles Wissen zurückgreifen zu können, arbeiten die Behörden eng mit Schamanen zusammen. In der Praxis bedeutet dies, dass die staatliche Gesundheitsvorsorge vorwiegend die physischen Aspekte einer Erkrankung behandelt, während sich die Heiler um die spirituelle Reinigung und Gesundung des Patienten kümmern.

Die Schulmedizin wird von vielen indigenen Patienten nur widerwillig akzeptiert, selbst wenn der Arzt oder Pfleger aus der eigenen Gemeinschaft stammt. Besonders schwierig wird es, wenn er zu dem Schluss kommt, dass die Behandlung im teils weit entfernten Krankenhaus fortgesetzt werden muss. Um Schwangeren größere Ortswechsel zu ersparen, wurden spezielle Geburtshäuser in der Nähe der Dörfer gebaut. Oft zieht die ganze Familie für die Dauer der Betreuung mit ein, um die Frauen nicht allein zu lassen.

Diese Maßnahmen haben offensichtlich Erfolg. Die Zahl der Todesfälle im Kindbett konnte in dem südamerikanischen Land zwischen 1990 und 2007 nahezu halbiert werden. Zudem ging die Kindersterblichkeit seit 1999 um 40 Prozent zurück. Allerdings sterben immer noch zahlreiche Kinder von Ureinwohnern an Erkrankungen der Atemwege und des Verdauungstrakts.

Die Frauengruppe „Curumim“ im Bundesstaat Pernambuco sieht nach wie vor große Lücken in der Gesundheitsvorsorge für Angehörige indigener Ethnien. Die Vereinigung hat daher mit der Ausbildung so genannter „traditioneller Hebammen“ begonnen, wie die „Curumim“‐ Leiterin Paula Viana erklärte.

Ihre Hebammen nähmen mehr Rücksicht auf die Ängste und Bedürfnisse der Ureinwohner‐Frauen, sagte Viana. Der staatliche Gesundheitsansatz sei immer noch zu sehr auf die schulmedizinischen Behandlungsmethoden der Krankenhäuser konzentriert. „Curumim“ hat nach eigenen Angaben mit Unterstützung des Gesundheitsministeriums mittlerweile 1.150 Hebammen ausgebildet, die offiziellen Angaben zufolge zwischen 32.000 und 34.000 Geburten im Jahr begleiten. Tatsächlich könnte die Zahl aber doppelt so hoch sein, meinte Viana. Trotzdem gebe es immer noch große Vorbehalte gegen traditionelle Hebammen im Gesundheitswesen. Viana fordert vom Gesundheitsministerium wesentlich striktere Richtlinien für die staatlichen Hebammen, Pfleger und Ärzte. Viele zeigten trotz ihrer guten Ausbildung in der Praxis nicht ausreichend Respekt für die lokalen Kulturen, kritisierte sie.

Seit März gibt es innerhalb des Gesundheitsministeriums eine eigene Abteilung für Ureinwohner. Die Mitarbeiter haben teils Aufgaben des Gesundheitsdienstes FUNASA übernommen. Die Katholische Bischofskonferenz Brasiliens äußerte sich allerdings skeptisch: Es sei fraglich, ob diese Maßnahme tatsächlich die gesundheitliche Situation der Ethnien verbessern könne.

Autorin: Fabiana Frayssinet (IPS-Weltblick). Deutsche Bearbeitung: Sebastian Voss