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Umstritten: peruanische Wasserkraft für Brasilien

Lange Zeit galt die Grenze zwischen Brasilien und Peru als Niemandsland – unwegsam und nur von wenigen indigenen Völkern besiedelt. Heute steht sie im Zentrum neuer Infrastrukturprojekte zum Ausbau der lateinamerikanischen Ost-West-Achse. Dazu wird eine neue Transamazonien-Straße gebaut, die sogenannte „Interoceánica“, die den Atlantik mit dem Pazifik durchgehend verbinden soll. Die Strecke zwischen dem auf 4000 Meter gelegenen Andenort Puno und der brasilianischen Grenze im Tiefland soll dann in wenigen Stunden zu bewerkstelligen sein statt der heute üblichen 18 Stunden. Wenn..... ja, wenn nicht genau dort ein neues Wasserkraftwerk gebaut werden sollte.

Brasiliens Energiehunger ist groß


Die Westabhänge der peruanischen Anden mit ihren vielen Flüssen sind ideal für den Bau von Wasserkraftwerken, denn das Wasser muss nicht wie im flachen Brasilien extra gestaut werden. Und Brasiliens Energiehunger ist groß, das Land gehört zu den aufstrebenden neuen Großmächten. Da liegt es nahe, im benachbarten Peru den Bau von Wasserkraftwerken zu finanzieren, die Brasilien mit Strom beliefern sollen. Die beiden Präsidenten Lula und Alan García waren sich darin sehr schnell einig – am 16. Juni 2010 unterschrieben sie das Abkommen, das den Bau von sechs Wasserkraftwerken im peruanischen Amazonasgebiet vorsieht. Brasilien finanziert - und bekommt den überschüssigen Strom. Das weniger finanzkräftige Peru bekommt neue Wasserkraftwerke.

Wasserkraftwerk würde Straßentrasse und Land überfluten

Ein tolles Geschäft für beide Länder ? Viele Menschen in Puno sehen dies nicht so. Während Lula und García den Vorvertrag im Dezember 2009 unterzeichneten, gingen sie in Puno aus Protest auf die Straße. Denn das erste geplante Wasserkraftwerk am Fluss Inambari soll 35 Kilometer der bereits geschlagenen Transamazonas-Straße wieder überfluten. Beim Dorf San Gabán auf halber Strecke zwischen Mazuko und Puno soll der Fluss Inambari gestaut werden, 40 000 Hektar Land sollen dafür überschwemmt werden, damit der fünftgrößte Staudamm Lateinamerikas hier mit brasilianischen Geldern gebaut werden kann. Bis zu 6.000 Menschen wohnen hier – Kleinbauern und Goldgräber -, die umgesiedelt werden sollen.

Bisher konnte die brasilianische Betreiberfirma die Menschen in den betroffenen Dörfern nicht vom Segen der Umsiedlung überzeugen – und solange dies nicht geschieht, wird ein Bau schwierig sein.

Proteste gegen Umweltschäden und Umsiedelung

Aber nicht nur die Menschen in San Gabán und Puno sind aufgebracht, auch an den anderen geplanten Standorten regt sich Protest. Denn wieder einmal hat die peruanische Regierung über das Land der lokalen Bevölkerung verfügt, ohne sie vorher zu fragen. Das peruanisch-brasilianische Energieabkommen sollte rasch und ohne viel Diskussionen über die Bühne gehen. Der Schuss ging, in den Augen der Regierungen, nach hinten los. Denn obwohl Wasserkraft als saubere, erneuerbare Energie gilt, sind die Groß-Wasserkraftwerke heutzutage sehr umstritten. Zum einen weil sie die lokale Biodiversität beschädigen – auch im Fall des geplanten Inambari-Kraftwerkes ist ein bekanntes Naturschutzgebiet in nächster Nähe. Zum anderen, weil viele Menschen dafür umgesiedelt werden müssen. Die Stimmung in den Gebieten, in denen die Kraftwerke gebaut werden sollen, ist explosiv.

Präsident Lula dürfte gewusst haben, dass Wasserkraftwerke auch im eigenen Land problematisch sind. Das geplante Belo-Monte-Wasserkraftwerk am Fluss Xingú , das drittgrößte der Welt, wird von der indigenen Bevölkerung und in Kirchenkreisen heftig kritisiert.

Inzwischen hatte die peruanische Regierung auch aufgrund der Proteste ein Einsehen. Das Energieministerium zog die Genehmigung für das geplante Kraftwerk in Paquitzapango in Zentralperu zurück. Der Preis der Umsiedlung der indigenen Bevölkerung der Ashaninka wäre zu hoch gewesen.

Autorin: Hildegard Willer