Argentinien |

Umgang mit Elektroschrott nicht geregelt

Eine typische Szene in einem Elektronik-Geschäft in Argentinien: Ein Verkäufer führt die zahlreichen Kunden zu einem Stand, an dem reichlich Informationen über neue Mobiltelefone ausgegeben werden. Doch niemand sagt ihnen, wo sie ihre alten Handys lassen sollen.

Die Elektronikbranche erlebt in dem südamerikanischen Land einen wahren Boom. Für die Entsorgung des giftigen Elektroschrotts ist allerdings nicht gesorgt, kritisiert Greenpeace. Auch die Händler wissen nicht Bescheid. Bei einer Einwohnerzahl von rund 40 Millionen Menschen haben die Argentinier 34,3 Millionen Mobiltelefonverträge abgeschlossen. Durchschnittlich alle zwei Jahre trennen sie sich von ihrem alten Handy und schaffen sich ein neues Gerät an. Nach Schätzungen der Umweltorganisation Greenpeace steigt die Zahl der Mobilfunknummern sogar auf 56 Millionen, wenn man die Anschlüsse mit einberechnet, die zwar nicht mehr genutzt, aber auch noch nicht gekündigt worden sind.

Jährlich zehn Millionen Handys weggeworfen

Angesichts des Aufschwungs, den der Sektor in den vergangenen fünf Jahren erlebt, sind Umweltaktivisten zunehmend beunruhigt über die große Menge an toxischen Substanzen, die frei werden, wenn alte Telefone einfach mit dem Hausmüll entsorgt werden.

Die Verkäufer haben keine vernünftigen Ratschläge parat. "Was soll ich mit meinem alten Handy anfangen", fragte IPS in einem Laden nahe Buenos Aires nach. "Behalten Sie es als Ersatz, für den Fall, dass das andere kaputt geht", kam als Antwort. Doch selbst wenn das Gerät nicht mehr funktioniert, nimmt es das Geschäft nicht zurück.

Greenpeace-Argentinien zufolge wurden im vergangenen Jahr landesweit etwa zwölf Millionen Mobiltelefone verkauft, außerdem 2,6 Millionen Computer, eine Million Fernseher und 1,2 Millionen Drucker. Jedes Jahr landen zudem zehn Millionen alte Handys im Müll. Wenn sie auseinander brechen, werden hochtoxische Stoffe und Schwermetalle freigesetzt, die Luft, Boden und Gewässer verseuchen.

Entsorgungsprobleme in ganz Lateinamerika

Yanina Rullo von Greenpeace zufolge wissen immerhin 40 Prozent der Bevölkerung um die Umweltgefahr, die von alten Mobiltelefonen ausgeht. Sie bewahrten die ausgedienten Geräte daher zu Hause auf. 30 Prozent der Geräte enden jedoch auf den regulären Müllkippen.

Greenpeace gehört zu den größten Verfechtern eines Gesetzes, das bereits den Senat passiert hat und nun dem argentinischen Parlament vorliegt. Gemäß der Vorlage, die sich an einer EU-Richtlinie orientiert, sollen die Handyhersteller die Mobiltelefone fachgerecht entsorgen. Die Debatte im Parlament hat mittlerweile jedoch einen toten Punkt erreicht.

Auch andere Staaten der Region haben ähnliche Entsorgungsprobleme wie Argentinien. In ganz Lateinamerika fallen jährlich schätzungsweise rund 800.000 Tonnen Elektroschrott an, wie aus einer Studie hervorgeht, die die Weltkulturorganisation UNESCO im vergangenen Jahr in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo veröffentlichte. Die Schätzungen basieren auf Berichten aus Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Venezuela. In diesen Ländern werden 80 Prozent des gesamten Elektroschrotts in der Region produziert.

Trotz der großen Menge Giftmüll hat bisher kein einziges lateinamerikanisches Land ein Gesetz zur Lösung des Problems eingeführt. Nur vereinzelt werden Initiativen zur Wiederverwendung und sicheren Lagerung von Elektroschrott gestartet. Angesichts des Wirtschaftswachstums der vergangenen zehn Jahre und der Bemühungen, durch gezielte Werbung für Laptops die 'digitale Kluft' in Ländern wie Argentinien, Kolumbien und Uruguay zu überbrücken, halten Beobachter die Einführung neuer Gesetze für dringend notwendig.

Geplantes Gesetz nimmt Hersteller in die Pflicht

Der argentinische Gesetzentwurf sieht unter anderem Anreize für Hersteller vor, die langlebige und leicht recycelbare Elektronikgeräte ohne giftige Substanzen auf den Markt bringen. Außerdem sollen in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern Sammelstellen für alte Elektronikgeräte eingerichtet werden.

Einige Firmen nehmen bereits auf freiwilliger Basis veraltete Geräte zurück. In der Öffentlichkeit wird dies allerdings kaum bekannt gemacht. Selbst die Beschäftigten wissen oft nicht Bescheid und können ihre Kunden somit nicht richtig informieren.

Das argentinische Unternehmen ´Escrap´ entsorgt Elektroabfälle großer Firmen, die durch Produktionsfehler und die Weiterentwicklung von Technologien anfallen. Die großen Mengen an Elektroschrott, der von einzelnen Nutzern verursacht wird, kann es jedoch nicht bewältigen. Dafür sei ein neues Gesetz notwendig, meinte der Firmenchef Gustavo Fernández. Dem Experten zufolge fehlt in Argentinien die Technologie, um gefährliche Giftstoffe wie Kadmium, Nickel und Lithium angemessen zu entsorgen. Daher müsse Elektroschrott häufig zum Recycling in andere Länder exportiert werden.

Autorin: Marcela Valente, deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe, IPS- Weltblick