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Subkultur mit Sprengkraft - 'Landkarte' des Rock

Wer an kubanische Rhythmen denkt, dem fallen zuerst Rumba, Son und Danzón an. Ganz im Verborgenen blüht in dem sozialistischen Karibikstaat aber noch eine ganz andere Musikkultur. Wissenschaftler begeben sich nun auf die Spuren des Rock, der als Import aus dem Ausland jahrzehntelang nur im Untergrund existierte.

Geschichte des Rock aufarbeiten

Für ganz Lateinamerika wollen die Musikforscher eine ´Landkarte´ des Rock erstellen. Liliana González, die das Projekt in Kuba koordiniert, kündigte eine "profunde Studie" an, die von der Internationalen Vereinigung zur Untersuchung der populären Musik gefördert wird. Nachdem die Behörden dem Vorhaben 2009 zugestimmt hatten, soll die Geschichte des Rock in Kuba in den kommenden zehn Jahren umfassend aufgearbeitet werden.

Beteiligt sind unter anderem das staatliche Forschungszentrum für kubanische Musik (CIDMUC) und die kubanische Rock-Agentur. Aus Archiven von Musikern und Fans sollen nun Erinnerungen aus mehreren Jahrzehnten zusammengetragen werden.

Die ersten Rock ´n Roll-Bands formierten sich um 1954, als der Sound aus den USA lange vor der Machtergreifung durch Fidel Castro die Insel erreichte.

Starker Verwurzelung trotz fremden Ursprungs

"Auch wenn der Ursprung dieser Musik anderswo lag, ist sie doch stark mit unserem Land verwurzelt", sagte González. "Inzwischen blicken wir auf mehr als vier Jahrzehnte Rockgeschichte in Kuba zurück. "Die CIDMUC-Mitarbeiterin hält es für überholt, nur die Musik als kubanisch zu betrachten, die tatsächlich auf der Insel entstanden ist.

Die Forscher wollen nicht nur die Musikproduktion unter die Lupe nehmen, sondern auch die soziale Protestbewegung, die durch den Rock losgetreten wurde. "Wir erfassen die neuen Diskurs- und Umgangsformen", berichtete González, die auch an der Universität von Havanna unterrichtet. "Daraus soll eine große Datenbank über kubanischen Rock entstehen."

Fanzine und Tattoos

Als unmittelbare Quellen dienen González Fanmagazine (Fanzine) wie ´Scriptorium´ und ´Punto G´. Auch die Tattoo-Szene soll ihr näheren Aufschluss über die Sozialisierung der Rock-Fans liefern. "Wer in den sechziger und siebziger Jahren Rockfan war, konnte nicht an der Universität studieren und fand kaum Arbeit", sagte der Schriftsteller José Miguel Sánchez alias ´Yoss´ dem Online-Magazin ´La Isla en Peso´. Die Betroffenen seien von der Nachbarschaft als "asozial" ausgegrenzt und regelmäßig von der Polizei festgenommen worden. Die alternative Rockszene entwickelte sich weitgehend im Untergrund.

Zahlreiche Gruppen wie ´Almas Vertiginosas´ (Schwindelerregende Seelen) spielten ausschließlich auf privaten Partys. Nur einige wenige offiziell anerkannte Bands wie ´Los Dada´ traten im Fernsehen auf.

1987 erstes offizielles Rockkonzert

Erst ab den achtziger Jahren trafen die Musiker auf weniger Widerstand. Die Kulturförderin María Gattorno richtete 1987 in Havanna ein offizielles Rockkonzert in der ´Casa Comunal de Cultura Roberto Branly´ aus. Sechs Jahre später jedoch wurde das legendäre Künstlerzentrum von den Behörden geschlossen.

Nachdem die Rockbands ihre Musik jahrelang in Eigeninitiative aufgenommen hatten, erhielten sie schließlich Unterstützung von der staatlichen Vereinigung Brüder Saíz. Mehrere Jahre lang fand daraufhin in einem Vorort von Havanna das ´Festival de Rock de Alamar´ statt. Der bekannte Fotograf Nacho Vázquez hielt die Konzerte mit seiner Kamera für die Ewigkeit fest.

Videos, Tonaufnahmen, Fotos und Texte

Das Forschungsprojekt wird Videos, Tonaufnahmen, Fotos und Texte zusammentragen. Die Leiterin der Rock-Agentur, Yuri Ávila, sieht die Forschungsarbeit als unerlässlich für die weitere Existenz dieser Musikrichtung. "Die ´Landkarte´ wird verlorene Jahre unserer Geschichte retten", meint sie.

Die Agentur vertritt 17 Bands wie ´Zeus´, ´Agonizer´, ´Escape´, ´Combat Noise´ und ´Chlover´, die vor allem Metal spielen. Die Gründung der Rock-Agentur 2007 war ein wichtiger Schritt, der vielen Musikern den Sprung in die Profiszene ermöglichte. In Havanna hat sie ihren Sitz im Theater ´Maxim Rock´, das den Bands die einzige Bühne der Stadt und Proberäume bietet.

Rock-Hochburgen über die Insel verteilt

Auch im Landesinnern gebe es eingefleischte Fangemeinden, sagte Ávila, etwa in Pinar del Rio und Matanzas im Westen, in der zentral gelegenen Stadt Santa Clara sowie in Camagüey und Holguín im Osten der Insel.

In Kuba entwickelten sich eigene Formen des Rock. So verschmolz die Gruppe ´Síntesis´ die importierte Musik mit afrokubanischen Rhythmen und wurde damit im In-und Ausland bekannt.

"Das größte Problem liegt bisher darin, dass die Kubaner bisher selbst zu wenig von dieser Musik erfahren haben", meinte Ávila. Um den kubanischen Rock im Ausland bekannter zu machen, hat die Rock-Agentur gemeinsam mit dem französischen Plattenlabel ´Brutal Beatdown Records´ ein Festival organisiert, das bereits zwei Mal stattgefunden hat

Anfang September kamen französische und Schweizer Metal-Bands zum ´Brutal Fest´ nach Havanna. Ávila hält das Festival für eine ideale Plattform, um den Rock aus Kuba über die Landesgrenzen hinauszubringen.

Autorin: Dalia Acosta, Quelle: IPS-Weltblick