Chile |

Studentenproteste stoüen Diskussion über Bildung an

Eines haben die rund 45.000 Studentinnen und Studenten bereits erreicht, die am 12. Mai auf die Straße gegangen sind – das chilenische Bildungssystem wird wieder breit gesellschaftlich diskutiert. Im ganzen Land hatten Studierende bei Protesten mehr Geld für die öffentliche Bildung gefordert.

Zu den Hauptforderungen zählten auch der bessere Zugang ärmerer Bevölkerungsschichten zu hochwertiger Bildung sowie eine „Demokratisierung“ der Zulassungsvoraussetzungen der Privatuniversitäten. Es könne nicht sein, dass die „öffentliche Bildung danieder liege, während Privatuniversitäten hohe Gewinne einstecken“, so Camila Vallejos, die Vorsitzende der Studentenföderation FECH.

Bildungsreform in der Kritik

Im Focus der Kritik stand vor allem die kürzlich verabschiedete Bildungsreform. Durch ihren einseitigen Akzent auf private Bildung vernachlässige sie den öffentlichen Sektor. Bildungsminister Joaquín Lavín bestritt dies und bot den Studenten an, die Türen seines Ministeriums seien „offen zum Dialog“. Er versprach ein Gesetz, dass es den öffentlichen Universitäten in Chile erlauben solle, „mit den besten akademischen Einrichtungen der Welt zu konkurrieren“.

Kritik übte Lavín jedoch an den „Steinen und Stöcken“, mit denen einzelne Demonstranten Autos und Gebäude beschädigt hätten. Der Bürgermeister der Stadt Santiago, Pablo Zalaquett, reichte sogar eine Klage gegen die Studenten wegen „Zerstörung öffentlichen Eigentums“ ein. Studentenorganisationen bezichtigten hingegen die Sicherheitskräfte der „Brutalität“. Bei der Polizeiaktion, die mit dem Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas sowie über 100 Festnahmen endeten, sei nicht zwischen Demonstranten und Passanten unterschieden worden. Bilder blutender Teilnehmer der Proteste erhitzten die Stimmung zusätzlich.

Zuspruch von vielen Seiten

Letztlich konnten derartige Vorkommnisse jedoch nicht von den inhaltlichen Forderungen ablenken, für die die Studenten von vielen Seiten Zuspruch erhielten. Ein Kommentator der konservativen Tageszeitung „El Mercurio“ forderte von der Regierung „einschneidende Reformen“. Nach Meinung des Rektors der „Universidad de Chile“ sei das neue Bildungsgesetz dabei nicht der richtige Weg. Es sei „hinter verschlossenen Türen“ und „beeinflusst von Lobbyisten der privaten Bildung“ zu Stande gekommen.

Zwei-Klassen-Bildungssystem

Nach den massiven Protesten gegen das Staudammprotest Hydroaysén sieht sich die konservativ-liberale Regierung von Sebastián Piñera jetzt einer zweiten Protestwelle ausgesetzt. Dabei ist die Debatte um Bildungsgerechtigkeit in Chile alles andere als neu. Obwohl die Studentenzahlen in Chile steigen, herrscht weiterhin ein Zwei-Klassen-Bildungssystem. Unter allen Mitgliedern der OECD ist Chile bei weitem das Land, welches am wenigsten für die Bildung ausgibt. Das Studium an den Top-Unis im Land kann leicht bis zu 1000 Euro pro Monat kosten. Das gleiche gilt für die guten Privatschulen. Schulgebühren von 500 Euro pro Kind und Monat sind keine Seltenheit. Kindern aus Familien der Mittel- oder Unterschicht bleibt so meist nur eine enorme Verschuldung oder das Studium an akademisch wesentlich schlechteren Institutionen.

Die Kontroverse um die Bildungspolitik geht weiter. Für den 21. Mai sind weitere Proteste angekündigt. Am gleichen Tag möchte Präsident Piñera eine Regierungserklärung vor dem Parlament geben. Studentenaktivistin Camila Vallejos fordert von ihm bei dieser Gelegenheit ein „klares Bekenntnis“ zur öffentlichen Bildung.

Sebastian Grundberger