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Studentenorganisation bringt Licht ins Großstadtdunkel

Guadalajara. Läuft man durch die Straßen der mexikanischen Metropole Guadalajara, so fallen einem sofort die vielen Kinder auf, die an den Ecken stehen und Kaugummis verkaufen, an den großen Kreuzungen die Scheiben der wartenden Autos waschen oder für ihre Eltern betteln. Besonders im Zentrum der als „mexikanischsten aller mexikanischen Städte“ bekannten Großstadt ist die Armut deutlich: Kinder, die am Straßenrand, in Schubkarren oder in Hauseingängen liegen und schlafen, und das alles im Dreck der Großstadt.

Das 2004 von Studenten der Universität ITESO gegründete Projekt CODENI (Colectivo Pro Derechos de la Niñez; Vereinigung für die Rechte der Kinder) setzt sich für die Rechte genau dieser Kinder ein. Da die meisten bei keiner Behörde registriert sind, können sie auch nicht zur Schule gehen. Auch wenn es kein Schulgeld gibt, muss jedes Jahr eine große Summe für Schuluniform, Bücher und Materialien ausgegeben werden. Dieses Geld haben die meisten Familien nicht. Aus diesen Gründen gehen viele Kinder nicht zur Schule.

CODENI setzt sich zunächst dafür ein, dass alle Kinder registriert werden und verhilft ihnen dann zu Stipendien, die ihnen den Schulbesuch trotz ihrer finanziellen Not ermöglichen sollen. Etwa 70 Familien werden derzeit von CODENI betreut. Die Kinder sind zwischen sechs und 17 Jahren alt und kommen zweimal in der Woche für zwei Stunden in das neu eingerichtete CODENI-Zentrum. Dort werden sie bei ihren Hausaufgaben betreut; es stehen ihnen reichhaltige Materialien zur Verfügung, unter anderem Computer und eine gut ausgestattete Bibliothek. Außerdem wird jeden Tag ein Workshop zu einem für die Kinder wichtigen Thema angeboten. Hygiene und Umweltschutz stehen immer wieder auf dem Programm, aber auch Tabu-Themen wie Sexualität, die im normalen Schulunterricht keinen Platz finden, werden hier diskutiert.

Eines der wichtigsten Kinderrechte ist das Recht zu spielen. Auch diesem Recht wird Raum gegeben: Ein inzwischen gut ausgestatteter Spiel- und Freizeitraum sowie eine große Dachfläche ermöglichen jedem Kind, zumindest einmal am Tag Kind zu sein. Weiterhin werden Betreuungsprogramme für die Eltern angeboten sowie Essensspenden und psychologische Begleitung von Kindern und Familien.

Indigene Familien besonders auf Hilfe angewiesen

Von den derzeit 71 Familien gehören 28 zur Gruppe der sogenannten Mestizen, das heißt Menschen mit indoamerikanischen und europäischen Vorfahren. 30 Familien sind Otomí-Indianer, eine noch heute existierende indigene Gruppe, die vor allem im Staat Querétaro in der Nähe Mexiko-Stadts angesiedelt ist und heute etwa 0,29% der mexikanischen Bevölkerung ausmacht. Diese Gruppe wanderte in den 1980er Jahren von ihren Dörfern in die Großstadt Guadalajara aus - auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Sie bevölkerten einen etwas außerhalb der Stadt gelegenen Hügel, den sogenannten „Cerro del 4“. Das Land gehörte reichen Einwohnern Guadalajaras, die auf eine Wertsteigung der Grundstücke warteten. Schon nach einiger Zeit bebauten die Migranten das Land, so dass es zu einem rechtlichen Problem kam: Zwar haben sie keinen legalen Anspruch auf das Land, das darauf gebaute Eigentum jedoch kann ihnen nicht entzogen werden. Noch heute ist es den Bewohnern nicht möglich, Häuser zu verkaufen, weil sie keinerlei Papiere für die Grundstücke haben. Im Rahmen einer Wahlkampagne der rechtsorientierten Partei PAN wurden in den letzten Jahren einige der Hauptstraßen befestigt, auch gibt es inzwischen eine Busverbindung in die Innenstadt Guadalajaras und in den letzten zehn Jahren wurde die Strom- und Wasserversorgung ausgebaut. Trotzdem leben diese Menschen in extremer Armut.

In den von CODENI betreuten Familien leben nur bei 53% Mutter und Vater gemeinsam. 23% der Kinder werden von alleinerziehenden Müttern betreut und 24% von Verwandten. Jede Familie hat im Durchschnitt vier Kinder. Knapp ein Drittel der Eltern haben keine oder wenig Bildung, nur die Hälfte hat die Grundschule entweder besucht oder abgeschlossen. Lediglich 18% haben eine weiterführende Schule besucht.

Die Straße als Arbeitsplatz

Die Haupteinnahmequelle der Familien ist der Verkauf von Waren auf der Straße. Dazu gehören vor allem die selbst hergestellten Kartoffelchips, die in selbstgebastelten Friteusen unter großen Gefahren gemacht werden. Der Straßenverkauf ohne Lizenz ist illegal. Die Familien können eine Lizenz jedoch auf Grund der hohen Kosten nicht bezaheln. Seit bekannt wurde, dass 2011 die Panamerikanischen Spiele in Guadalajara ausgetragen werden, geht die Regierung noch radikaler gegen Straßenarbeiter ohne Lizenz vor. Es heißt, das Straßenbild solle verschönert werden. Inspektoren streifen also täglich durch die Straßen und bestrafen die illegalen Arbeiter, in dem sie ihnen ihre Stände und möglicherweise sogar die Einnahmen des ganzen Tages wegnehmen.

„Ich verbringe den ganzen Tag damit zu schauen, ob die Inspektoren kommen. Ich kann auch keine Pause machen, denn wenn ich nicht schaue, könnten sie kommen und meinen ganzen Stand mitnehmen, und dann hat meine Familie in dieser Woche nichts zu essen“, berichtet eine der Mütter. Einige Inspektoren sind bereit, für eine sogenannte „Tolerancia“, eine inoffizielle Zahlung, die den Familien jedoch keinerlei Rechte gibt, „wegzuschauen“. Doch sogar diese relativ geringe Summe können die wenigsten aufbringen. Das Nettoeinkommen der Kartoffelchips-Verkäufer beträgt, zieht man alle Ausgaben ab, etwa 820 Pesos im Monat. Das sind bei einem momentanen Wechselkurs von 0,053 Euro knapp 45 Euro.

Bei den alleinerziehenden Müttern ist das die Summe, von der die ganze Familie in einem Monat leben muss. In den Familien mit etwas besser verdienenden Vätern kommt man auf ein Familieneinkommen von etwa 120 Euro pro Monat. Die Zahlen für die ganze mexikanische Republik ergeben ein noch schlimmeres Bild: 2007 gab die UNICEF in einer Studie bekannt, dass 58% der Kinder unter 18 Jahren in Mexiko unterhalb der Armutsgrenze leben.

Zu der finanziellen Belastung kommt für Frauen und Kinder oft eine psychologische Belastung hinzu: 44% der Familien, die mit beiden Elternteilen leben, berichten von häuslicher Gewalt auf Grund von Alkohol- und Drogenproblemen. Bisher sind außerdem zwei Fälle von Kinderprostitution gemeldet, in denen jedoch bereits gerichtlich ermittelt wird.

Schulstatistik macht Hoffnung

Eine weitere UNICEF Studie in Mexiko-Stadt belegt, dass dort eins von 25 Kindern vor der 6. Klasse die Schule abbricht. In Guadalajara ist es jedes fünfte Kind. Weitet man diese Zahl auf die nächsten Jahre aus, lässt sich allerdings erkennen, dass in dieser Generation die Abbruchrate fünfmal geringer ist als in der Elterngeneration. Es scheint also Hoffnung zu geben, dass die Arbeit von CODENI und ähnlichen Organisationen hilft.

Als Ziel hat CODENI zehn Punkte angeführt, die es zu bekämpfen gilt:

- Kinderarbeit

- Obdachlosigkeit unter Kindern

- Kinderprostitution in Guadalajara

- Kinderprostitution in Puerto Vallarta (beliebter Urlaubsort an der Pazifikküste)

- Kindesmissbrauch von Seiten der Polizei

- Kindesmissbrauch in Rehabilitationszentren für Kinder

- Kinderarbeit auf Plantagen im Süden Jaliscos (Bundesstaat, in dem sich Guadalajara befindet)

- Frühzeitiger Kindestod in der Sierra Huichola

- Misshandlung von Jugendlichen in öffentlichen Schulen

- Extreme Armut in den Randbezirken

CODENI strebt vor allem eine gute Zusammenarbeit mit der Regierung an und möchte nicht, wie viele der Nicht-Regierungsorganisationen, das System lediglich für die bestehende Situation verantwortlich machen. „Helfen können wir nur gemeinsam“, sagt Danielle Strickland, Mitgründerin von CODENI. Wichtig ist es, die Armut nicht zu unterstützen, und das geht schneller, als man denkt. „Deine Münze hält sie auf der Straße“, war der Slogan einer kürzlich in Guadalajara begonnenen Kampagne. Mexiko hat die „Internationalen Bestimmungen zu den Rechten der Kinder“ 1990 bei der UN unterschrieben, die legalen Voraussetzungen für eine effektive Zusammenarbeit sind also gegeben. Dies gilt es nun zu nutzen und Schritt für Schritt zu optimieren. „Und vielleicht sieht alles in der nächsten Generation schon viel besser aus“, sagt Myriam Godinez, Psychologin bei CODENI.

Autorin: Antonia Lilie studiert in Bonn Lateinamerika- und Altamerikastudien und Anglistik. Nach dem Abitur hat sie ein Jahr in Guadalajara, Mexiko verbracht, vermittelt durch die katholische Entsendeorganisation JEV (Jesuit European Volunteers). Sie arbeitete dort unter anderem in dem Straßenkinderprojekt CODENI.