Peru |

Streit um Agro-Gentechnik

Wenn man die Panamericana an der peruanischen Pazifikküste entlang fährt, sieht man immer wieder Holzgestelle mit Plastikplanen mitten in der Wüste stehen. Es ist die peruanische Version einer Hühnerfabrik. Hier werden die „Pollos“ gezüchtet, ohne die kaum ein peruanisches Essen auskommt. Womit aber werden die Hühner gemästet, bevor sie dem Schlachter zugeführt werden ? Mit genmanipuliertem Mais. Und der wird eingeführt aus den Nachbarländern Brasilien, Argentinien, Uruguay, still und leise und in der Grauzone des peruanischen Gesetzes. Dieses Geschäft wollen sich die peruanischen Landwirte nicht länger entgehen lassen.

„Genauso gut selbst anbauen“

„Wir importieren 1,8 Millionen Tonnen genmanipulierten Mais, den können wir genauso gut hier anbauen“, empört sich Luis de Stefano Beltrán, Biotechnologe und eifriger Verfechter genmanipulierten Saatgutes. Das ging aber bisher nicht. Anbauten mit genmanipulierten Saaten sind in Peru verboten. Oder waren es, bis vor wenigen Tagen.

Am 15. April hat de Stefano und die Gentechnik-Lobby rund um den Agrarminister Rafael Quevedo gefeiert. Ein vom Präsident Alan García über Nacht unterzeichnetes Sonderdekret erlaubt die Einfuhr genmanipulierten Saatgutes. „Eine Regelung, die überfällig war“, sagt de Stefano, „wir sind sonst im Hintertreffen mit den anderen Ländern“.

Protest gegen neue Verordnung

Nicht gerechnet haben sie wohl mit dem großen Protest, den die neue Verordnung hervorgerufen hat. „70 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Fläche wird von Kleinbauern bewirtschaftet“, sagt Antonietta Gutiérrez, Biologieprofessorin und Gegnerin der gentechnisch manipulierten Lebensmittel. „Ihnen bringt die Gentechnik nichts“.

Einmal abgesehen vom befürchteten Gesundheitsrisiko gentechnisch manipulierter Lebensmittel, treffen hier zwei Landwirtschaftsmodelle aufeinander: das Agrobusiness setzt auf intensive Bewirtschaftung und gentechnische Adaption im Sinne von mehr Effizienz. Die kleinen Landwirte und die ökologen setzen auf den organischen Landbau, der die Biodiversität erhält. Denn davon hat Peru mehr als genug. Der Umweltminister Antonio Brack hat zwar in das Sonderdekret eingewilligt, befürwortet jetzt aber ein 15-jähriges Moratorium für die Bewilligung genmanipulierter Pflanzen. Ein entsprechendes Gesetzesprojekt wird im Kongress heftig diskutiert, nachdem das Nacht- und Nebel-Sonderdekret ruchbar wurde.

„Peru hat 2321 Sorten Kartoffeln und 55 Sorten Mais, die sollte man erforschen, und nicht genmanipulierten Mais einführen“ sagte Brack der peruanischen Presse. Er hat Sorge, dass die Biodiversität durch den Einsatz genmanipulierten Saatgutes verringert wird. Und gerade diese sei schon der jetzige und auch zukünftige Reichtum Perus. Der Export organisch und extensiv hergestellter landwirtschaftlicher Produkte steigt stetig – ebenso wie der Export intensiv angebauter Produkte wie Spargel oder Paprika.

Schützenhilfe eines Starkochs

Schützenhilfe bekommen die Gentechnik-Gegner und Antonio Brack von dem Mann, der – wenn er es denn wollte - die besten Chancen hätte, zum peruanischen Präsidenten gewählt zu werden: Gaston Acurio, Chefkoch und Gastronomieunternehmer, der die peruanische Küche in die Sphären der globalen „Haute Cuisine“ geführt hat. Eben wurde sein Stammrestaurant „Astrid und Gaston“ in die Liste der 50 besten Restaurants der Welt aufgenommen. Das Geheimnis des Siegeszuges der peruansichen Gastronomie sind die hochwertigen und vielfältigen Zutaten, die das Land liefert.

„Anstatt davon zu träumen, wie man Tonnen von genmanipulierten Sojas nach Peru bringt, träume ich davon, wie ich die Chicha Morada (Getränk aus einheimischem lila Mais) im Ausland bekannt mache“, erzählt er von seiner Vision. Und die kommt ohne genmanipulierte Lebensmittel aus.

Die Debatte im Kongress über das vorgeschlagene Moratorium wird mit heftigen Bandagen weitergeführt. Der Agrarminister zeichnet Schreckensbilder von Versorgungsengpässen und Handelssanktionen an die Wand, sollte Peru die gentechnisch manipulierten Saaten verbieten. Der Parlamentsausschuss für indigene Völker und das Umweltministerium halten dagegen. Die Bürgermeisterin von Lima, Susana Villarán, ist inzwischen mit gutem Beispiel vorangegangen und hat Lima zur Zone erklärt, in der keine genmanipulierten Lebensmittel angebaut werden dürfen.

Hildegard Willer, Lima