Haiti |

"Spielfigur auf dem Schachbrett der Groüen"

In einem langen Schreiben an Freunden, Unterstützern und Projektpartnern hat P. Jan Hanssens, Direktor von Justitia et Pax in Haiti, die Situation im Land zusammengefasst und brennende Fragen für die Zukunft des Landes gestellt. Der Menschenrechtsexperte, der seit mehr als 30 Jahren in Haiti lebt und arbeitet, drückt auch seine Sorge über die weitreichenden politischen Folgen des Edbebens aus: den zunehmenden Verlust nationaler Souveränität Haitis. Hier Ausschnitte aus seinem Schreiben:

Haiti ist erneut weltweit auf den Titelseiten, leider wieder mit schlechten Neuigkeiten.Am Dienstag, 12. Januar 2010, kurz vor fünf Uhr nachmittags ist das Land von einem Erdbeben der Stärke 7, 3 nach der Richterskala getroffen worden. 45 Sekunden haben ausgereicht, um die Haupstadt in Ruinen zurückzulassen – schlimmer als nach einem Bombardement. Und man darf nicht die anderen betroffenen Regionen und Städte vergessen. (...) Das Epizentrum des Erdbebens war kaum zehn Kilometer von der Innenstadt entfernt, in Gressier. Und noch immer gibt es Erdstöße.
Es war fünf Uhr nachmittags, in vielen Schulen war noch Unterricht, als die Hölle ausbrach. Zu einer anderen Tageszeit hätte das Beben allerdings noch mörderischer sein können. Die Zahl der Toten könnte bis 100.000 steigen. Nach offiziellen Angaben sind schon 70.000 Leichen in Gemeinschaftsgräbern begraben worden. Eine Tote sind privat beerdigt worden. Die Materiellen Schäden sind schwierig abzuschätzen. Viele Gebäude, die noch stehen, können wegen Einsturzgefahr nicht mehr genutzt werden. Die Menschen schlafen draußen – entweder, weil sie kein Haus mehr haben oder weil sie befürchten, weitere Erdstöße könnten stehende Gebäude einstürzen lassen.

Tausende Menschen haben die Hauptstadt Richtung Provinzen verlassen. Das ist vielleicht eine Lösung für Port-au-Prince, aber sie schafft Probleme in den Städten der Provinzen. Wieviele Menschen lebten in der Hauptstadt? Mindestens zwei Millionen....

Der Wille, das Leben wieder aufzunehmen, ist spürbar. Die internationale Hilfe was sehr schnell vor Ort, aber die Verteilung ließ auf sich warten. (...) Erst jetzt beginnt man damit. (...) Die größte Schwierigkeit scheint die interne Koordinierung der Hilfe sein. Man fühlt sich nicht in Sicherheit, was auch damit zusammenhängt, dass 4.000 Häftlinge entflohen sind. Selbstverständlich sind nicht alle Verbrecher. Man darf nicht vergessen, dass 80 Prozent der Häftlinge Opfer einer langen präventiven Inhaftierung waren. Aber den schlechten Ruf, den man dem Land gegeben hat, spielt in solchen Momenten eine Rolle. Sobald man von "unteren Ende" der Stadt spricht oder von Cité Soleil sind sogar die ausländischen Militärs nicht motiviert, schnell einzugreifen.

Das Erdbeben ist ein schrecklicher Schock für Haiti und für diese verarmte Bevölkerung. Alle Institutionen sind getroffen worden. Überall gibt es Vermisste. Die Minustah (UN) ist regelrecht enthauptet; die Polizei, die Regierung, die öffentlichen Dienste...alle haben Mitglieder und Führungskräfte verloren. Die Internationale Gemeinschaft zeigt sich sehr präsent und großzügig. Das ist sehr gut. Aber es nährt Befürchtungen, dass auch die politischen Folgen des Erdbebens schrecklich sein könnten: einen noch größeren Verlust der nationalen Souveränität. Haiti ist eine Spielfigur auf dem internationalen Brettspiel der Großen. Die Vereiniten Staaten müssen sich zurückholen, was sie mit der von Brasilien geführten Minustah verloren hatten...Was werden die langfristigen Folgen sein....aber das ist schon die Zukunft.


Jetzt muss man die Bedürfnisse der Bevölkerung stillen: Wasser und Lebensmittel. Aber wie lange noch wird man ihr helfen müssen? Es gibt soviele Menschen in so einem begrenzten Raum...Man muss die zukünftigen Bedürfnisse abschätzen, den Wiederaufbau – man wird viele politische Entscheidungen treffen müssen.In derZwischenzeit muss wieder ein Minimum an Basisstrukturen funktionieren. Es wird wieder Benzin verteilt, es gibt kein Mangel zu befürchten. Man muss schnell die Banken wieder öffnen, weil es langsam kein Geld mehr gibt. Man muss den handel wieder aufnehmen, Lebensmittel verteilen etc. Der informelle Sektor bietet einige Dienstleistungen für diejenigen an, die Geld haben. Die haitianische Regierung lässt nicht viel von sich hören und wenn, dann nur zaghaft. Am 20. Januar hat der Präsident endlich zum Volk gesprochen, es wurde höchste Zeit. Das Schweigen provoziert Unzufriedenheit. Die Regierung schien tatenlos...jeder interveniert auf seine Art. Und dennoch war die für öffentliche Straßenarbeiten zuständige CNE in den Straßen, junge Menschen und die "Bürgeraktion" (Jugendministerium) leisteten erste Hilfe. Heute habe ich auch die EdH (das Elektrizitätswerk) bei der Arbeit gesehen. Auch der private Sektor hat bestimmte Maßnahmen angekündigt.

Die Amerikaner haben die totale Kontrolle über den Flughafen genommen. Sie entscheiden über die Ein-und Ausflüge. Viel Hilfe kommt über dem Landweg über die Dominikanische Republik – sowohl die dominikanische Regierung als auch Privatpersonen und zivilgesellschaftliche Organisationen helfen dabei. Es sit eine schöne Solidarität. Das Erdbeben wird enorme Auswirkungen auf das haitianische Volk haben – auf die Mentalität und auf die Rückkehr aufs Land. Die ausländische Präsenz und Einflussnahme wird immer massiver.

(...)
In einer nahen Zukunft verlangen viele brennende Fragen nach rascher Antwort: was passiert mit den jungen Menschen in der Ausbildung...wie sieht es mit dem Unterricht an Schulen aus: man kann die jungen Menschen nicht beschäftigungslos lassen. Wie wird es mit dem Wiederaufbau aussehen – was wird wieder aufgebaut und zu welchen Bedingungen?