Haiti |

"€?Sorge machen uns die Slums"€?

Ein Interview mit der Sprecherin des UN-Büros für Humanitäre Angelegenheiten in Port-au-Prince, Imogen Wall, zur Lage nach Ausbruch der Cholera-Epidemie in Haiti. Die Fragen stellte unsere Korrespondentin Sandra Weiss.

Wie ist die Situation vor Ort im Moment, nachdem auch aus Port-au-Prince die ersten Opfer gemeldet wurden?
Wir hatten am Samstag fünf Fälle in Port-au-Prince. Es handelte sich bei allen um Menschen, die aus der Artibonite-Gegend angereist kamen, wo die Epidemie ausgebrochen ist. Am Sonntag gab es zunächst keine neuen Fälle. Auch die Zahl der Erkrankten insgesamt hat nur wenig zugenommen, so dass wir hoffen, dass sich die Lage stabilisiert.

Was wird unternommen, um die Menschen zu schützen?

Vor allem in Port-au-Prince und Léogane leben ja noch immer über eine Million Menschen unter prekären Bedingungen in Zeltlagern.
Die Zeltlager sind gar nicht so unser Problem, denn dort ist die Kontrolle durch humanitäre Organisationen ziemlich gut. Die Versorgung mit Trinkwasser ist sichergestellt, ebenso die ärztliche Überwachung. Viel mehr Sorge bereiten mir die Slums von Port-au-Prince, die schon vor dem Beben sehr anfällig waren für derartige Epidemien, weil es dort keine ärztliche Versorgung gibt, die Hygiene ist minimal. Und dort haben wir kein so gutes Netzwerk wie in den Zeltlagern.

Was ist in dieser Situation das Wichtigste?

Die Prävention und die Information der Menschen, wie sie sich schützen können. Denn die Vorbeugungsmaßnahmen sind wirklich sehr einfach. Es sind die Grundlagen der Hygiene, also sich die Hände häufig mit Seife waschen, Nahrungsmittel desinfizieren, nur desinfiziertes Wasser trinken. Wichtig ist auch, dass die Menschen wissen, wie sie im Fall einer Infektion reagieren müssen, damit sie keine Zeit verlieren. Wir haben deshalb eine große Informationskampagne gestartet. Außerdem stehen wir in Kontakt mit allen Krankenhäusern, um den Verlauf der Krankheit genau zu verfolgen und schnell reagieren zu können. Wir haben eine Notfallnummer dafür eingerichtet. Und wir planen wir ein Feldlazarett für den Fall dass es hier in Port-au-Prince eine Notsituation gibt, denn es ist unheimlich wichtig, die Cholera-Patienten zu isolieren.

Gibt es genügend Medikamente und ärztliches Personal?

Ja, wir haben momentan noch genügend Vorräte, da wir uns nach dem Beben auf solche Situationen eingestellt haben. Wir haben genügend Rehydrierunglösungen und Antibiotika. Problematischer ist im Moment die Logistik, denn in der Artibonite-Gegend sind wegen der jetzigen Regenzeit viele Gebiete unzugänglich, so dass wir den Nachschub zum Teil mit Booten ausliefern müssen.

Braucht Haiti jetzt noch zusätzliche finanzielle oder technische Hilfe?

Momentan nicht, aber das hängt natürlich vom Verlauf der Epidemie ab. Es gibt einige kleine Engpässe bei der Ausstattung mit Mobiltelefonen und Funkgeräten, damit unser Informationsnetz ausgebaut wird. Derzeit haben wir aber keine zusätzlichen Spendenaufrufe gestartet.

Präsident Préval hat in einem Interview gesagt, die Cholera wäre importiert. Liegen zur Herkunft der Krankheit gesicherte Daten vor?

Wir wissen, dass der Krankheitsherd der Artibonite-Fluss ist, in dem die Cholera-Erreger gefunden wurden. Da es hier seit 50 Jahren keine Cholera mehr gab, muss sie wohl von irgendwoher in den Fluss gekommen sein. Aber für uns ist das momentan nebensächlich, unsere Hauptaufgabe ist, die Epidemie einzudämmen und die Kranken zu versorgen.

Wie hat die Bevölkerung reagiert ? In den ersten Tagen wurde von kollabierten Hospitälern berichtet, von Kranken, die unter freiem Himmel schlafen müssen.

Anfangs war das Problem, dass die Ärzte nicht genau wussten, wie sie mit der Epidemie umgehen müssen, da es wie gesagt schon so lange keine Cholera mehr gegeben hat in Haiti. Inzwischen ist die Situation unter Kontrolle. Es gab einige Hospitäler, die von dem Ansturm überwältigt waren, vor allem das St. Nicholas-Krankenhaus in St. Marc. Aber dort haben wir ganz schnell ausländische Spezialisten hingeschickt. In St. Marc sind jetzt 20 Ärzte vor Ort, die sofort die nötigen Bereiche für Quarantäne eingerichtet haben und die nötigen Desinfektionsmaßnahmen durchführen.

Können unter diesen Umständen die Wahlen im November stattfinden?

Das kann ich leider nicht sagen.

Das Interview führte Sandra Weiss.