Kolumbien |

Sonntags gehört die Autobahn den Joggern

Kolumbien macht sonntags und feiertags die Straßen frei für die Hobbysportler. Dort, wo sich normalerweise werktags hundertausende Fahrzeuge durch die Staus quälen, haben die Autos nichts mehr zu suchen. „Ciclovía“ - Jogger und Radfahrer übernehmen das Kommando.

Für Fernanda Rodriguez beginnt der Sonntag wieder einmal um sechs Uhr in der Früh. Schnell noch einen Kaffee und dann macht sich die junge Frau aus Bogota auf den Weg zu ihrem Stammplatz auf der Carrera 7 im Herzen der der kolumbianischen Hauptstadt. Auf ihrer gelben Jacke prangt das Logo des Bürgermeisteramtes. Es weist sie aus als eine der vielen tausend Helferinnen und Helfer, ohne die das nun folgende sportliche Spektakel nicht möglich wäre.

Gigantisches Sportfest

Ausgestattet ist sie mit einem Stopp-Schild. "Pare" - Stopp - steht in weißen Lettern auf rotem Hintergrund. Darüber prangt das Wort, das jeden Sonntag und jeden Feiertag in ganz Kolumbien Millionen Menschen auf die Inline-Skates, die Fahrräder oder in die Jogging-Schuhe ruft: "Ciclovía" nennen die Kolumbianer dieses wöchentlich wiederkehrende gigantische Sportfest. Wörtlich übersetzt heißt „Ciclovía“ eigentlich "Radweg", doch dahinter steckt weit mehr.

Kolumbien macht sonntags und feiertags die Straßen frei für die Hobbysportler. Dort, wo sich normalerweise werktags hundertausende Fahrzeuge durch die Staus quälen, haben die Autos nichts mehr zu suchen. Auf Fernandas Stammplatz, in mitten von Bogotas Innenstadt, übernehmen ab 7.30 Uhr die Jogger und Radfahrer das Kommando. Ganz früh am Morgen ist die Menge der Frühaufsteher noch überschaubar, ab 10 Uhr aber schwillt der Strom der Jogger an. Selbst wenn es - wie in Bogota in den vergangenen Wochen viel zu oft - Bindfäden regnet, sind die Straßen voll.

"Die Kolumbianer sind begeisterte Sportler. Wenn man wie ich seit ein paar Monaten hilft, dann kennt man schon die meisten. Denn hier ist die ganze Nachbarschaft auf den Beinen", sagt Fernanda, die als Freiwillige hilft. Ein Jahr will sie das machen, danach will sie dann selbst wieder die Laufschuhe schnüren.

Logistische Leistung

Was für eine logistische Leistung es ist, die Verkehrsachsen einer Neun-Millionen-Metropole wie Bogota zu sperren, kann jeder nachfühlen, der in Hamburg, Berlin oder Düsseldorf einmal mitgeholfen hat, einen Marathon zu organisieren. Das aber passiert in Bogota, Medellin oder Cali mehr als fünfzig Mal im Jahr und ist längst eingespielte Routine. Ebenso schnell wie die Straßen um 7.30 Uhr gesperrt sind, so sind sie ab 14 Uhr auch wieder für die Autos freigegeben.

Keine Abgase, keinen Lärm

Die Menschen, die an den Hauptachsen der Städte wohnen, sind nicht nur wegen der sportlichen Betätigungsmöglichkeiten über die "Ciclovía" erfeut. Denn mindestens einmal in der Woche herrscht von 7.30 bis 14 Uhr Ruhe. Es gibt keine Abgase, keinen Lärm, sondern Volksfeststimmung.

Auch wirtschaftlich hat der autofreie Sonntag eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Wo hunderttausende Menschen Sport treiben gibt es auch Nachfrage nach frischen Säften, Wasser oder handwerklicher Hilfe. Vor allem die fliegenden Werkstätten, die helfen, platte Fahrradreifen wieder zu flicken, haben Hochbetrieb.

Fernanda hilft mit, dass alles seinen geordneten Weg geht. Autos fahren nämlich in Bogota trotzdem, wenngleich nur über die Nebenstraßen. Und manchmal müssen die Fahrzeuge die "Jogger-Autobahnen" überqueren. Dann hält Fernanda ihr Stopp-Schild in die Luft, um die Sportler aufzuhalten. Für ein paar Sekunden nur haben dann die Autos doch noch einmal Vorfahrt, ehe die Straße dann wieder den Fitness-Begeisterten gehört.

Modell auch für Deutschland?

Übrigens: In Deutschland gab es auch schon einmal autofreie Sonntage. Lang ist es her, als während der ölkrise 1973 das Energiesicherungsgesetz insgesamt vier autofreie Sonntage (25. November, 2., 9. und 16. Dezember 1973) möglich machte. Angesichts der aktuellen Spritpreise wäre das kolumbianische Modell vielleicht auch in Deutschland einen Versuch wert.

Tobias Käufer, Bogotá/Kolumbien