Argentinien |

Sie leben den Protest - 40 Jahre Madres de Plaza de Mayo

Carmen Lapaco (l.) und Maria Adele Antokoleh teilen das gleiche Schicksal. Beide haben in den Zeiten des Militärregimes einen Familienangehörigen verloren. Foto: Landau/Adveniat.
Carmen Lapaco (l.) und Maria Adele Antokoleh teilen das gleiche Schicksal. Beide haben in den Zeiten des Militärregimes einen Familienangehörigen verloren. Foto: Landau/Adveniat.

Mit zitternden Händen zieht Carmen Lapaco das sorgfältig zusammengefaltete Kopftuch aus dem kleinen Plastiktütchen. Auf dem Baumwollstoff ist mit blauem Garn der Name ihrer Tochter aufgestickt und das Datum ihres Verschwindens. "Es war der Tag, an dem sich mein komplettes Leben änderte." Auch heute noch, über 40 Jahre später, versagt die leise Stimme der 89-Jährigen, wenn sie von dem Tag erzählt, an dem ihr Leben aus den Angeln gerissen wurde.

Gemeinsam mit ihrer Tochter Alejandra und deren Freund Marcelo wurde sie aus ihrem Haus gezerrt, in ein Auto gezwängt und in ein Geheimgefängnis gebracht. Offiziell handelte es sich bei dem Gebäude um die Mechanikerschule der Marine - Escuela Superior de Mecánica de la Armada, kurz Esma. Die Gefangenen wurden mit Stoffsäcken über dem Kopf in das Gebäude gedrängt, damit sie im unwahrscheinlichen Fall ihrer Freilassung keine Möglichkeit hatten das Gebäude zu identifizieren.

"Sie haben sie vor meinen Augen gefoltert"

"Sie haben Alejandra vor meinen Augen gefoltert", erinnert sich Carmen Lapaco noch immer an die grausamen Bilder, die einer Mutter niemals aus dem Kopf gehen werden. "Ich habe immer nur gefleht, dass sie mich nehmen und sie gehen lassen", erzählt Lapaco. Doch nach Stunden der Qual schickten sie die Mutter einfach hinaus. Seit diesem Tag hat Carmen Lapaco ihre damals 19-jährige Tochter nicht wieder gesehen. Es ist die quälende Ungewissheit, die bis heute ihr Leben überschattet.

Zehntausende Mütter und Familien in Argentinien blicken auf solch grausame Geschichten wie die von Carmen Lapaco zurück. Immer wieder verschwanden unter der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 junge Intellektuelle unter zunächst ungeklärten Umständen. Erst nach und nach stellte sich heraus, dass das systematische Verschwindenlassen politischer Gegner ein Teil des "Guerra Sucia" (des schmutzigen Krieges) der Militärs war.

Doch Carmen Lapaco ist wie viele der Mütter nicht in Lethargie versunken. Jeden Donnerstag setzt sie ihr weißes Kopftuch auf, steckt den kleinen Anstecker mit dem Foto ihrer Tochter an ihre Bluse und macht sich gemeinsam mit ihrer Freundin Maria Adele Antokoleh, die auf die gleiche Weise ihren Bruder verloren hat, auf den Weg zur Plaza de Mayo im Zentrum von Buenos Aires. Sie ist eine der gleichnamigen Madres, die seit dem 30. Mai 1977 jede Woche demonstrieren - für Aufklärung und Gerechtigkeit.

Eine halbe Stunde lang umrunden sie stumm den Platz, weil Proteste im Stehen damals verboten waren. Das aus Trauer und Protest getragene weiße Kopftuch der Madres wurde zum bekannten Symbol ihres Widerstands. "Wir sind nicht politisch motiviert. Wir erinnern daran, was passiert ist und fordern Gerechtigkeit für unsere Kinder", sagt Lapaco.

30.000 Menschen fielen dem Regime zum Opfer

Nach dem Übergang zur Demokratie zeigte sich in offiziellen Untersuchungen, dass bis zu 30.000 Menschen durch das Militärregime ermordet worden waren. In dem Geheimgefängnis ESMA sind schätzungsweise 5000 Menschen illegal inhaftiert und gefoltert worden. Nur wenige Hundert von ihnen haben überlebt. Viele wurden auf den "Vuelos del muerte" (Todesflügen) betäubt und nackt aus Flugzeugen über dem nahen Rio de la Plata oder dem Atlantik abgeworfen. Die Madres de Plaza de Mayo gehören zu den wenigen Menschen in Argentinien, die dagegen bis heute öffentlich protestieren. In den Anfangsjahren gerieten sie dadurch selbst in Gefahr, so verschwand ihre erste Vorsitzende ebenfalls spurlos.

Die Amnestiegesetze und Gnadenerlasse, die die Militärs lange geschützt hatten, wurden während der Amtszeit des von 2003 bis 2007 regierenden Präsidenten Néstor Kirchner aufgehoben und durch das argentinische Verfassungsgericht für verfassungs- und völkerrechtswidrig erklärt. Auf dem Weg zur Aufarbeitung der Verbrechen während der Militärdiktatur hat Argentinien Ende des vergangenen Jahres eine wichtige Etappe erfolgreich hinter sich gebracht. Zwölf von 18 angeklagten Ex-Militärs wurden von einem Gericht in Buenos Aires zu lebenslanger Haft verurteilt.

Autorin: Mareille Landau.