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Sie hat tief berührt - Sängerin Chavela Vargas gestorben

Sie konnte schimpfen wie ein Hafenarbeiter und hatte gleichzeitig eine mystische Ausstrahlung, die viele Menschen tief berührte. Chavela Vargas hat in ihrem Leben alle Höhen und Tiefen erlebt: Den Erfolg auf der Bühne, die Freundschaft mit Menschen wie Frida Kahlo und Pedro Almodóvar, die Abgründe des Alkohols und die Befreiung aus der Sucht. Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende und ein Symbol Mexikos. Im April hatte sie ihr letztes Album herausgebracht. Am vergangenen Sonntag verstarb Charvela Vargas im Alter von 93 Jahren.

Sie flüstert, brüllt, bittet, fleht, schluchzt – zeigt Gefühl. Mit ihrer herben, rauchigen Stimme presste sie all den Schmerz aus sich heraus, den ihr das Leben bescherte, und erreichte die Zuhörer dabei in einer Intensität, die die Seele berührt. Ihre Lieder beschreiben das Leben und Leiden in einer verwundbaren Offenheit und mit dem Gefühl radikaler Einsamkeit. Sie sang von Liebe, Schmerz und Sehnsucht, angefüllt mit den Erfahrungen von mehr als 90 Lebensjahren und der Klarheit und Kraft einer Frau, die ihre eigenen Schatten überwunden hat. Nicht umsonst nannte man sie in Lateinamerika einst den Notenschlüssel zu Bewusstsein und Gefühlen der Zeit.

1919 in Costa Rica als Tochter armer Bauern geboren, arbeitete sie auf Kaffee- und Orangenplantagen. Drei Jahre lang litt sie an Kinderlähmung. Es war eine harte Zeit, in Einsamkeit und ohne Liebe, »daher erwartet nicht, dass ich über etwas singe, worüber ich nicht singen kann«, schrieb sie in ihrer Biographie. In ihrer Jugend war sie jähzornig, rebellisch, arrogant und tapfer – nur so konnte sie überleben. Sie kleidete sich wie ein Junge, rauchte Zigarren und trug Pistolen. Niemand in der Familie konnte musizieren, aber sie glaubte an eine Karriere als Sängerin. Mit 14 Jahren beschloss sie, ihr Land zu verlassen, um eine Karriere in Mexiko zu beginnen. Sie durchquerte Zentralamerika. Zu Fuß und ohne Geld.

Ende der Achtziger hatte man sie dem Alkohol verfallen tot geglaubt

In Mexico City begann sie auf der Straße zu singen. Anfang der fünfziger Jahre erlebte sie damit erste Erfolge. Ihre erste Platte nahm sie 1961 auf. Etwa 80 weitere folgten. Sie zog mit Mexikos größtem Ranchera-Sänger aller Zeiten, José Alfredo Jiménez, und anderen Größen jener Tage durch Konzertsäle, Kneipen, Plazas und Bars. Gut 15 Jahre lang trank sie und schätzt ihren Konsum heute auf insgesamt 45.000 Liter Tequila und Mezcal.

In der Hauptstadt Mexikos lernte sie Frida Kahlo kennen, die von den melancholischen Gesängen der Musikerin beeindruckt war. Für den Film »Frida«, der im Jahr 2002 produziert wurde, nahm sie ihren Klassiker »Paloma Negra« neu auf. Vargas soll eine Affäre mit der Malerin gehabt haben. In einem kolumbianischen Fernsehinterview im Jahr 2000 bekannte sie sich zu ihrer Homosexualität. Mit steigender Berühmtheit sah sie sich wachsender Kritik ausgesetzt. Sie lebe jenseits von moralischen Normen. Ende der Achtziger hatte man Vargas, dem Alkohol verfallen, totgeglaubt. Da nutzte sie das Interesse von Filmemachern wie Werner Herzog und Pedro Almodóvar für ein Comeback, das sie 1993 in Spanien begann.

Und auch Anfang des Jahres noch überraschte die damals 92-Jährige mit ihrer Rückkehr ins Musikgeschäft, nachdem sie im Herbst 2006 im ausverkauften Teatro de la Ciudad in Mexiko ihr Abschiedskonzert gab und damit ihre über 50 Jahre währende Bühnenkarriere beendete. In ihrem Leben gebe es kein Gestern und kein Morgen, nur das Jetzt und Hier. »Jetzt ist meine Zeit und ich lebe in Harmonie mit meinem Alter. Ich habe keine Angst, weder vor dem Tod noch vor dem Leben oder vor irgendetwas«, sagte Charvela Vargas in einem ihrer letzten Interviews. Ihr letztes Album »La luna grande« – eine Hommage an den spanischen Dichter Federico García Lorca – ist im April in Mexiko erscheinen.

Autorin: Mareille Landau

Chavela Vargas im Alter von 92 Jahren bei einem ihrer letzten öffentlichen Auftritte in Mexiko. Foto: Shutterstock Images

Chavela Vargas - Ein Beitrag von Mareille Landau