Bolivien |

Schmutziger Kampf um Gas

Mit der Manipulation von Zahlen versuchen ausländische Beraterfirmen und die heimische Wirtschaftselite zu verhindern, dass Bolivien seine Bodenschätze im Land hält, um endlich Industrialisierung und Wachstum vor Ort zu fördern. Ein jüngster Bericht über die angeblichen Gasreserven hat im Andenland jetzt eine heftige Debatte über die Zukunft des Energiegeschäfts und die Industrialisierungspläne der Linksregierung von Evo Morales vom Zaun gebrochen.

Nachdem Boliviens staatliche Energiefirma YPFB das US-amerikanische Beratungsunternehmen Ryder Scott Company Petroleum Consultants mit der Errechnung der Erdgasvorkommen beauftragt hatte, ist vergangene Woche ein Papier in Umlauf gebracht worden, in dem die Gasreserven auf 9,7 Billionen Kubikfuß (TFC) geschätzt werden. Ein TFC entspricht rund 27 Milliarden Kubikmeter Gas. Ein neues Gesetz zur »Nachhaltigen Entwicklung des Sektors für fossile Brennstoffe« verpflichtet die Regierung »zu Beginn jeden Jahres« zur Veröffentlichung der zertifizierten Gasreserven.

Kritik der Unternehmer

Die neue Schätzung würde eine Verringerung der letzten Prognosen um 50 Prozent bedeuten. Beim aktuellen Exportvolumen von 7,9 TFC und einem Binnenverbrauch von 1,8 TFC sei das Gas »in zwölf Jahren zu Ende«, wird Álvaro Ríos, Experte in fossilen Brennstoffen in den konservativen Medien zitiert. Schuld sei einzig und allein La Paz. Für ausländische Direktinvestitionen im Energiesektor zur Suche und Erschließung neuer Gasvorkommen »schafft die Regierung keine Bedingungen«, wirft Gabriel Dabdoub, Präsident der Privatunternehmer von Santa Cruz, dem Palacio Quemado »einen fehlenden Wirtschaftsplan« und »mangelnde Rechtssicherheit« vor. Der von Dabdoub geführte Unternehmerverband war federführend beim sezessionistischen Abspaltungsversuch der Ergasreichen Tieflandregion Santa Cruz, als die »Autonomistas« Bolivien Ende 2008 an den Rand eines Bürgerkrieges manövrierten.

Privatisierung heißt Ausverkauf

Denn wie viel Gas im Boden schlummert, ist im nationalen Interesse und seit jeher ein Politikum. YPFB-Präsident Carlos Villegas lehnt zu schnelle Schlüsse ab und warnt vor politisch motivierter Zahlendreherei. Ryder Scott habe »nur Teile der Berichte« vorgestellt. »Wir als YPFB können nicht ein Papier erhalten, und dann sofort die Presse benachrichtigen«, bezog Villegas am Wochenende Stellung. »Bisher gibt es nur einen Bericht von bestellten 17«. Bis dahin werde das Staatsunternehmen keine Prognosen abgeben. YPFB war im Mai 2006 von der Linksregierung »Bewegung zum Sozialismus« (MAS) neu gegründet worden, nachdem der staatliche Betrieb im Rahmen der neoliberalen »Neuen Wirtschaftspolitik« (NEP) Ende der 80er zerschlagen und privatisiert worden war. Neuverhandlung der Förderverträge mit den im Lande arbeitenden Energiemultis wie Repsol, Petrobras und Total bescherten dem Fiskus eine Verdreifachung seiner Einnahmen aus öl und Gas. Blieben vor der Nationalisierung 18 Prozent der Gasrente im Land und 82 Prozent bei den Multis, so ist das Verhältnis heute umgekehrt.

Zahlen auf Bestellung

Während die MAS-Regierung die Industrialisierung der Bodenschätze im eigenen Land anstrebt, exportierten neoliberale Vorgängerregierungen so viel Gas wie möglich ins Ausland. Im Jahr 2003, als Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada Gas über Chile nach Kalifornien für einen Spottpreis weit unter Weltmarktpreis verkaufen wollte, hatte De Golyer&MacNaughton die passenden Zahlen geliefert und Bolivien medienwirksam zur »zweitgrößten Lagerstätte von Erdgas nach Venezuela« erklärt. 54,9 TFC würden für eine Ausbeutung zur Verfügung stehen. Der bolivianische Markt sei auf die Energie nicht angewiesen, die Energieversorgung der Vereinigten Staaten müsse sichergestellt werden. Jedoch ging die Bevölkerung gegen den »Ausverkauf unserer Bodenschätze« auf die Barrikaden, nach dem »Gas-Krieg 2003« musste de Lozada in die USA flüchten. Ein anschließendes Referendum beendete die Verkaufspläne.

Es gilt abzuwarten, wie groß die Reserven tatsächlich sind. Gas- und öl sind noch vor dem Bergbau Boliviens wichtigster Exportsektor. Von Januar bis August 2010 wurden 1,8 Milliarden US-Dollar eingenommen, 31 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Täglich gehen 30 Millionen Kubikmeter Gas nach Brasilien, nach Argentinien sieben Millionen. Vor wenigen Tagen hat Boliviens Nationalbank 700 Millionen US-Dollar für den Bau neuer Raffinerien an YPFB ausgezahlt.

Autor: Benjamin Beutler