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Rücktritt heizt Debatte um Mega-Staudammprojekt an

Der Countdown läuft. Bis zum 17. Mai soll eine elfköpfige Kommission der südchilenischen Region Aysén darüber entscheiden, ob das größte Staudammprojekt in der Geschichte des Landes gebaut werden darf oder nicht. Mitten in diesen engen Zeitplan platzte ein prominenter Rücktritt. Eduardo Lagos Reyes, Vorsitzender der „Kommission zur Evaluierung der ökologischen Auswirkungen“ der Region Aysén, reichte am 28. April seinen Rücktritt ein - „aus persönlichen Gründen“, wie es hieß.

Marcelo Castillo, Anwalt des „Komitees zur Verteidigung Patagoniens“, glaubt nicht an rein persönliche Motive dieses Schrittes. Er sieht „wichtige Hinweise“, dass Studien zur ökologischen Verträglichkeit des Projektes „Hydroaysén“ im Interesse der Betreibergesellschaften Endesa und Colbún manipuliert worden seien. Zudem kritisieren die Staudamm-Gegner die Zusammensetzung der Evaluierungskommission. Mehrere wahlberechtigte Mitglieder könnten nicht als unabhängig gelten, da sie in der Vergangenheit bereits entweder mit den Betreiberfirmen zusammengearbeitet hätten oder schon zuvor als Befürworter des Projektes aufgetreten seien.

Energiepolitischer Durchbruch oder ökologische Katastrophe?

Auf dem Papier klingt das Projekt „Hydroaysén“ verheißungsvoll. Der spanisch-italienische Energieriese Endesa und die chilenische Colbún-Gruppe wollen die beiden größten Flüsse der Region, den Baker und den Pascua, mit insgesamt fünf Staudämmen aufstauen. Geplant zur Zeit der Mitte-Links-Regierungen der Concertación, soll das 2,5 Mrd. Euro teure Projekt ein wichtiger Schritt in die energiepolitische Unabhängigkeit Chiles sein.

Auch die aktuelle konservativ-liberale Regierung von Präsident Sebastián Piñera treibt „Hydroaysén“ voran. Alleine durch die fünf Staudämme sollen 2.750 Megawatt Strom gewonnen werden, was rund 20 Prozent der derzeitigen Energieproduktion des Landes entspricht.

Die Debatte um Hydroaysén ist so alt wie die Pläne für das Projekt. In Patagonien formte sich die Bewegung „Patagonia sin represas – Patagonien ohne Staudämme“, ein Zusammenschluss von prominenten Einzelpersonen und Bürgerinitiativen. Die Gruppe kritisiert auf ihrer Homepage, es sei „dreist und risikoreich“, die unwiederbringliche Verwandlung eines großen Gebietes einzigartiger Vielfalt „in einen Ort voller Staudämme und durchzogen von riesigen Elektroleitungen“ zu beschließen. Die Regierung erlaube so, dass „ein Elektro-Monopol, das die Durchsetzung eigener privatwirtschaftlicher Interessen verfolgt, sich kostenlos des wertvollen natürlichen Kapitals aller Chilenen bemächtigt und den Traum der Region Aysén, seine ökologische Vielfalt zu bewahren, beerdigt.“

Auch die katholischen Bischöfe des chilenischen Teils Patagoniens zeigten sich in einem gemeinsamen Brief „besorgt“ über das Projekt, welches in der Region das „ökologische Gleichgewicht und den sozialen Frieden schwer schädigen“ könne.

Präsident soll „Stimme des Volkes hören“

Trotz des großen Protestes erscheint es eher unwahrscheinlich, dass „Hydroaysén“ noch aufgehalten werden kann. Rodolfo Rivero, der den zurückgetretenen Eduardo Lagos an der Spitze des Entscheidungskomitees ersetzte, versprach die Einhaltung des bisherigen Zeitplanes. Sollte das Gremium jedoch bis zum 17. Mai für das Projekt stimmen, kann es nicht auf die Mehrheit der chilenischen Bevölkerung bauen.

Einer jüngsten Umfrage des renommierten Meinungsforschungsinstitutes IPSOS zufolge sprechen sich 61,1 Prozent der Befragten gegen das Projekt aus – und dies trotz einer millionenschweren Werbekampagne der Betreiberfirmen. Erst drei Tage vor dem Rücktritt Lagos´ waren Tausende Menschen in 13 Städten Chiles gegen „Hydroaysén“ auf die Straßen gegangen. Präsident Sebastián Piñera erhielt zudem einen Brief von 5000 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zugestellt, in dem er aufgefordert wird, die „Stimme des Volkes zu hören“.

Sebastian Grundberger