Bolivien |

"€?Rettet Madidi!"€?

Umweltorganisationen in Bolivien kämpfen für den Erhalt des Madidi-Nationalparks. Die Regierung will in dem landesweit größten Naturschutzgebiet nach Erdöl bohren, ein Wasserkraftwerk bauen und die Zuwanderung fördern. Damit würde ein großer Teil des Artenreichtums vernichtet.

Der Nationalpark erstreckt sich über fast 19.000 Quadratkilometer in den Provinzen Iturralde und Franz Tamayo im nordwestlichen Departement La Paz. Die landschaftlichen Kontraste in dem Schutzgebiet sind groß. Dort befinden sich rund 5.700 Meter hohe Berge, flache Ebenen und tropische Wälder. In 46 Dörfern leben zudem Angehörige von sechs verschiedenen Ethnien.

Die Umweltaktivisten warnen davor, dass die Regierung auf der Suche nach neuen Einnahmequellen einen großen Artenreichtum zu zerstören droht. In dem wasserreichen Madidi-Park sind etwa 50.000 Pflanzen- und 1.370 Tierarten heimisch.

Die Klimaschutzexpertin Carmen Capriles erklärte, dass der geplante Bau einer großen Autostraße, die Erdölförderung und das Wasserkraftwerk die größten Gefahren für das Naturschutzgebiet seien. Auch der Handel mit Wildtieren, die fortschreitende Entwaldung und staatliche Siedlungsprogramme setzten dem Naturpark schwer zu.

Capriles befürchtet, dass die Siedlungspläne die indigenen Gemeinden in der Region in Bedrängnis brächten und zu einem Raubbau an natürlichen Ressourcen führten. Mit den Ureinwohnern sei bisher nicht über die Folgen der Projekte gesprochen worden, kritisierte sie.

Ureinwohner durch Raubbau an der Umwelt geschädigt

Auf einer Forschungsreise kam die Wissenschaftlerin im vergangenen Jahr bis zu dem Ureinwohnerdorf ´El Tigre´. 80 Prozent der Bewohner litten demnach an der Infektionskrankheit Leishmaniose. Sie bestätigten außerdem, dass Jäger die Wildtierbestände stark ausgedünnt hätten.

De Auswirkungen der staatlichen Megaprojekte wären noch weitaus gravierender, gab Mirna Fernández von der ´Kampagne zur Rettung von Madidi´ zu bedenken. "Bis zu 60 Prozent aller Spezies könnten davon betroffen sein."

Der Stausee des Kraftwerks El Bala würde einen Großteil des Nationalparks und das angrenzende Biosphärenreservat Pilón Lajas unter Wasser setzen. Wie Fernández erklärte, müssten auch 17 Ureinwohnergemeinden weichen.

Erste Vorbereitungen für das Energieprojekt hätten schon begonnen, berichtete die Umweltschützerin unter Berufung auf Anwohner. Die Regierung von Präsident Evo Morales, der selbst indigener Herkunft her, hatte das Entwicklungsvorhaben bereits im Juli 2007 per Dekret zu einer dringlichen nationalen Angelegenheit erklärt.

Noch keine Umweltverträglichkeitsstudien

Im selben Jahr hatte die Regierung die Erdölförderung in dem Gebiet ´Subandino Norte´ gestattet, die auch den Madidi-Nationalpark umfasst. Laut Fernández hat das Projekt zur Folge, dass mehrere Straßen angelegt, weitere Bäume gefällt und damit Arten vernichtet wurden. Auch die Verschmutzung der Böden durch Erdöl und die Emission von Treibhausgasen seien ein erhebliches Problem.

Teresa Flores, die Vizepräsidentin der Umweltschutzvereinigung ´Prodena´, hat selbst beobachtet, wie im Madidi-Nationalpark Erdöl aus dem Boden austrat. Dies bedeute allerdings noch nicht, dass das öl dort in so großen Mengen vorhanden sei, dass sich eine Förderung lohne, meinte sie. Der französische Konzern ´Total´ und das brasilianische Unternehmen ´Petrobras´ hätten nach ersten Untersuchungen Abstand von solchen Vorhaben genommen, sagte Flores.

Nach Angaben von Ricardo Coello, der für die Naturschutzpark-Behörde Sernap arbeitet, wurde bisher erst eine seismische Untersuchung außerhalb des Madidi-Parks durchgeführt. Coello erinnerte daran, dass nach bolivianischem Recht die Förderung von Erdöl erst dann beginnen kann, wenn entsprechende Umweltverträglichkeitsstudien vorliegen. Er weiß zudem von keinen Plänen, die den Nationalpark betreffen. Gemäß der Verfassung von 2009 sind die Naturschutzgebiete Eigentum der Allgemeinheit.

Ecuador verzichtete auf strittiges Erdölprojekt

Prodena beruft sich bei ihrer Kampagne auf eine Entscheidung der ecuadorianischen Regierung vom vergangenen August, die Erdölreserven im ecuadorianischen Yasuni-Nationalpark nicht auszubeuten. Dort lagern immerhin etwa 20 Prozent aller ölreserven des Landes. Die finanziellen Verluste sollen mit Geldern eines internationalen Treuhandfonds kompensiert werden.

Nach Ansicht von Flores sind die beiden Fälle aber nicht vergleichbar, weil bislang völlig unklar ist, wie umfangreich die ölreserven im Madidi-Park seien. Sie warf Morales ein widersprüchliches politisches Vorgehen vor. Der Präsident habe sich in seinen Reden wiederholt für den Schutz der Natur ausgesprochen, die den indigenen Andenvölkern heilig sei.

Autor: Frank Cháves in: IPS-Weltblick