Bolivien |

Rennen um das »Weiüe Gold

Hochrangige Regierungsvertreter aus Japan verhandeln in La Paz über einen Zugriff auf die weltweit größten Lithium-Reserven. Doch die Geschichte des Ausverkaufs soll sich nicht wiederholen.

Der Poker um Boliviens Lithium-Vorkommen geht in die nächste Runde. Eine über 40-köpfige Delegation hochrangiger Regierungsvertreter und Manager der Automobilindustrie aus Tokio ist diese Woche zu Gesprächen mit der bolivianischen Linksregierung »Bewegung zum Sozialismus« (MAS) zusammen getroffen, darunter Japans Vizeminister für Wirtschaft, Handel und Industrie Kaname Tajima. Das Rennen um den Grundstoff für den Bau von Akkus mit hoher Speicherkraft ist voll in Gange.

In der Vergangenheit hatte La Paz bereits Absichtserklärungen mit Südkorea und dem Iran unterzeichnet. Auch andere Industrieländer wie Frankreich haben starkes Interesse an der Ausbeutung von Boliviens Lithium gezeigt.

Im Salzsee Salar de Uyuni auf über 3600 Meter über dem Meeresspiegel liegt ein wahrer Schatz. Auf über 120 Milliarden Euro jährlich taxiert das renommierte US-Businessberatungsunternehmen Economist Intelligence Unit (EIU) für 2030 den industriellen Wert der Reserven. Bolivien, das Armenhaus des Kontinents, könne das »Dubai des 21. Jahrhunderts« werden, meint die spanische Tageszeitung La Gaceta.

Lithium: Rohstoff der Zukunft

Bolivien will den Schatz nicht leichtfertig aus den Händen geben. Man will »Partner sein, statt Chefs«, ist die Devise in der Wirtschaftspolitik heute. Nachdem Boliviens Minister für Bergbau und Metallurgie den Gästen aus Fernost am Donnerstag in einem Seminar »Entwicklung strategischer Sektoren« die bolivianischen Vorstellungen über eine »partnerschaftliche« Lithium-Industrialisierung auf Augenhöhe näher gebracht hatte, traten Minister Tajime und Gastgeber Präsident Evo Morales vor die Presse. Japan, dessen Automobilhersteller wie Toyota in Sachen E-Mobilität zu den Weltmarktführern gehören, befinde sich derzeit in einem »Prozess der Forschung und Produktion neuer Autos auf Grundlage elektrischer Energie«, so Tajime. Aus diesem Grund würden sich beide Länder annähern. Tokio sei sich bewusst, dass Lithium »ein strategisches Element« ist, um Strom als künftige Antriebsenergie nutzen zu können. Schon heute subventioniert die japanische Regierung den Kauf eines E-Autos mit bis zu 10.000 Euro.

Morales Traum vom Auto »Made in Bolivia«

Doch auch Bolivien braucht Japan. Gleich zu Beginn des Seminars hatte Morales seinen Wunsch nach einer »strategischen Allianz« hervorgehoben. Für das Andenland, dessen lange Geschichte des Rohstoff-Raubbaus wie Silber bis zur spanischen Kolonialherrschaft zurückreicht und dem der Aufbau eines tragfähigen Binnenmarktes wegen des »Rohstoff-Fluches« nicht gelungen ist, sei der alleinige Export von Primärgütern beendet. Er hoffe auf einen »Lithium-Toyota Made in Bolivia«.

Der Traum des Neun-Millionen-Einwohnerlandes sei nicht der Export von Lithium-Karbonat, sondern die Entwicklung einer eigenen Autoindustrie vor Ort. Für dieses Anliegen sei die Linksregierung auf der Suche nach Partnern, erklärte Morales.

Der lange Weg zur Industrialisierung

Auf der japanischen Seite stößt die bolivianische Vorsicht bei der Wahl seiner Geschäftspartner durchaus auf offene Ohren. Auch Japan habe lange gebraucht, um seine heutige industrielle Stärke auszubilden, erinnerte Tajima an den japanischen Entwicklungsweg. »Diese Erfahrungen wollen wir offen mit Bolivien teilen, damit es sich auf dieselbe Art und Weise entwickeln kann«, gab sich der Wirtschaftsminister verständnisvoll. Humankapital und Technologie werde man an Boliviens Ingenieure weitergeben.

Ein entsprechendes Abkommen war bei einem Morales-Besuch in Tokio letztes Jahr in Kraft getreten, das es nun schrittweise auszuweiten gelte. Die vom MAS angestrebte Industrialisierung des Lithiums benötige jedoch vor allem eines: langfristige Planung. Schnelle Lösungen seien nicht gangbar, Auto- und Batteriefabriken entstünden nicht von heute auf morgen, bremste Tajima die bolivianischen Ambitionen.

Hoffnungen auf eine bessere Zukunft

Zeit aber scheint knapp. Die bolivianische Regierung, die für den Beginn der zweiten Phase der Lithium-Förderung in den kommenden Tagen einen Zentralbank-Kredit von 485 Millionen US-Dollar aufnehmen wird, steht unter doppeltem Druck. Die neokonservative Opposition der alten Rohstoff- und Landeliten fordert den schnellen Abschluss von Lithium-Abbaulizenzen an internationale Multis und argumentiert freihändlerisch, Bolivien verschlafe den Milliarden-Markt. Sie verwies dabei auf Argentinien. Ende 2010 hatte das Nachbarland seine Lithium-Reserven einem ausländischen Minenkonsortium verkauft. Allerdings hatte die Departamento-Verwaltung, der laut argentinischer Verfassung die Hoheit über nichterneuerbare Rohstoffe zusteht, einen denkbar schlechten Deal gemacht. Nur drei Prozent von den Unternehmer-Gewinnen fließen in die öffentlichen Kassen.

Scheitern politisch fatal

Doch hat sich die MAS-Regierung mit ihren lauten Versprechungen von einem raschen Wohlstandsgewinn durch das »weiße Gold« im Salar de Uyuni keinen Gefallen getan. Die neun Millionen Bolivianer setzen große Hoffnungen darin, dass sich die Geschichte der Ausbeutung nicht wiederholt und im ärmsten Land des Kontinents endlich Wohlstand einkehrt. Für den MAS wäre ein Scheitern am Salar de Uyuni darum politisch fatal.

Autor: Benjamin Beutler