Argentinien |

Prozess um entführte Kinder geht in die Endphase

In Argentinien neigt sich der Prozess gegen zwei Ex-Diktatoren und acht Helfershelfer wegen Kindesentführung in den Jahren 1976 bis 1983 dem Ende zu. Dem Anwalt der Klägerseite zufolge werden die Urteile Ende Mai erwartet.

36 Jahre lang hatten die legendären Großmütter der Plaza de Mayo in mühevoller Kleinarbeit nach den Mädchen und Jungen gesucht, die zusammen mit ihren Eltern verschleppt oder ihren inhaftierten Müttern nach der Geburt weggenommen worden waren. Insgesamt konnten sie 105 ihrer Enkel ausfindig machen. Der Raub von 30 Kindern durch Vertreter des damaligen Regimes wird seit 1996 gerichtlich verhandelt.

Francisco Madariaga wuchs in der Familie des früheren Heeresgeheimdienstoffiziers Víctor Gallo auf, den er 32 Jahre lang für seinen leiblichen Vater hielt. Im Alter von 16 Jahren fing er an, sich gegen den gewalttätigen Patriarchen aufzulehnen. "Ich war sein Kriegsspielzeug, er sah in mir den Feind", erzählt Madariaga IPS. "Mit 20 kamen mir erste Zweifel an meiner Identität." Angst und Schuldgefühle hätten ihn damals daran gehindert, seinen Adoptiveltern unbequeme Fragen zu stellen, berichtet er.

DNA-Test bescheinigte neue Identität

Erst als er 32 Jahre alt war, fasste er sich ein Herz, wandte sich an die Großmütter der Plaza de Mayo und ließ in ihrer Genbank einen DNA-Test durchführen. Seitdem weiß er, dass er der Sohn der 1977 entführten Silvia Quintela ist, die bei ihrer Festnahme im vierten Monat schwanger war und ihren Sohn im geheimen Haft- und Folterzentrum Campo de Mayo zur Welt brachte.

Madriaga ist einer der wenigen Entführungsopfer, die das Glück hatten, zumindest einen Elternteil kennen zu lernen. Sein Erzeuger Abel Madariaga flüchtete sich nach dem Verschwinden seiner Frau ins Ausland und kehrte erst nach dem Ende der Diktatur in die Heimat zurück. Er ist Mitglied, des Exekutivrats der Großmütter. Die Suche nach dem Sohn machte er zu seiner Lebensaufgabe.

"Unser Leben ist verpfuscht"

Vater und Sohn setzen große Hoffnungen auf den Prozess, in dem der Adoptivvater Gallo wegen illegaler Kindesaneignung angeklagt ist. "Ich habe als Kläger ausgesagt und erwarte das Urteil. Ich will Gerechtigkeit, denn unser Leben ist verpfuscht." In dem laufenden Verfahren, das einen Bruchteil der Fälle behandelt, geht es auch um die drei Geschwister Ramírez, die ihm Alter von zwei, vier und fünf Jahren ihren Eltern entrissen wurden, bevor diese ´verschwanden´. Obwohl es andere Verwandte gab, wurden sie in ein Waisenhaus gesteckt, wo sie sexuellen Übergriffen, Misshandlung und Hunger ausgesetzt waren.

In einem weiteren Fall beschuldigte Victoria Montenegro ihren Adoptivvater, den inzwischen verstorbenen Oberst Herman Tetzlaff, sich ihrer widerrechtlich angeeignet zu haben. Auch sagte sie gegen den Juristen Juan Romero Victorica aus, der in das Verbrechen involviert war und seinen Posten als Staatsanwalt eines Berufungsgerichts im letzten Jahr niederlegte.

Die Großmütter geben die Zahl der Mädchen und Jungen, die während der Herrschaft der Generäle geraubt wurden, mit etwa 500 an. Ihre Eltern wurden in geheimen Haftzentren festgehalten, gefoltert und in der Regel ermordet. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass während der Diktatur rund 30.000 Menschen auf diese Weise verschwanden.

Entführung und Fälschung der Identität fallen nicht unter Amnestiegesetz

Die Entführung und Aneignung und die Fälschung der Identität der Kinder fallen nicht unter die beiden in den 1980er Jahren verabschiedeten Amnestiegesetze, die angeklagten Militärs Straffreiheit verschafften. Auch die Begnadigungen greifen nicht, mit denen der damalige Präsident Carlos Menem (1989-1999) die zum Teil zu lebenslangen Haftstrafen verurteilten Offiziere aus dem Gefängnis holte. Sowohl die Amnestiegesetze als auch die Begnadigungen wurden erst unter der Regierung des inzwischen verstorbenen Staatspräsidenten Néstor Kirchner (2003-2007) rückgängig gemacht.

Die Anhörungen der Kinder der Diktaturopfer begannen vor 13 Monaten. Hauptangeklagte sind die Ex-Diktatoren Jorge Videla und Reynaldo Bignone. Neben weiteren Militärs muss sich auch der Arzt Jorge Luis Magnascco vor Gericht verantworten, der die schwangeren Häftlinge entbunden hatte.

Systematisch betriebenes Verbrechen

Wie der Anwalt der Großmütter der Plaza de Mayo, Alan Iud, betonte, zeigt das Verfahren, dass der Kindsraub systematisch betrieben wurde. Dahinter steckte offenbar die Absicht, dafür zu sorgen, dass die Kinder der Diktaturopfer keinen Hass auf die Streitkräfte entwickeln.

In all den Jahren haben die Großmütter Berge von Dokumenten und Zeugenaussagen zusammengetragen, aus denen ferner hervorgeht, dass Mitglieder der Katholischen Kirche, der US-Botschaft in Argentinien und des US-Außenamts über die kriminellen Vorgänge in Argentinien informiert waren.

Autor: Marcela Valente, Quelle: IPS

Die Madres de Plaza de Mayo kämpfen seit Jahrzehnten für die Aufklärung der Verbrechen während der Militärdiktatur. Foto: Landau