Kolumbien |

Protestmarsch durch Cauca-Kriegsregion

Der einflussreiche Indigenenrat von Cauca (CRIC) im Südwesten Kolumbiens hat einen Protestmarsch gegen die Gewalt der Armee und der FARC-Rebellen in der Region angekündigt. Unmittelbarer Anlass für die ´Minga´, wie die Ureinwohner des südamerikanischen Bürgerkriegslandes kollektive Unternehmungen zum Wohl der Gemeinschaft bezeichnen, ist die Explosion einer Autobombe am 9. Juli in einer von ethnischen Nasa bewohnten Stadt.

"Unsere Kinder leben in Angst und Schrecken. Auf dem Weg zur Schule begegnen ihnen alle möglichen Kriegsakteure. Sie wissen nicht, ob es Soldaten, Rebellen oder Paramilitärs sind", schildert Darío Tote, ein indigener Coconuco und Regionalkoordinator des CRIC-Bildungsprogramms, die schwierigen Lebensbedingungen vor Ort. "Die Bevölkerung ist in ständiger Alarmbereitschaft."

Tote zufolge wird sich die ´Minga des Widerstands für die Autonomie und territoriale Harmonie und für ein Ende des Krieges´ im kommenden Monat in Gang setzen und das gesamte besetzte indigene Territorium durchqueren. Ihr Ziel ist es, Armee, Polizei und Kolumbiens Revolutionäre Streitkräfte (FARC) zur Aufgabe ihrer Basen und Lager zu bewegen. "Wir wollen nicht, dass eine der Kriegsparteien im Vorteil ist, sondern das Leben und die Autonomie unserer Gemeinschaften schützen", schrieb der CRIC in einem auf den Kolumbianischen Unabhängigkeitstag am 20. Juli datierten Papier. "Wir hoffen, dass beide Kriegsparteien verstehen, dass wir ein humanitäres Anliegen haben."

Indigene Territorien seit Jahrhunderten anerkannt

Rund 6.000 Ureinwohner und die CRIC-Führungsriege hatten sich am 20. und 21. Juli in der 4.000 Einwohner zählenden Stadt Toribío im Norden des Departements Cauca eingefunden. Die Nasa-Reservationen im Umfeld von Toribío sind bereits seit 1702 zur Zeit der spanischen Kolonialherren als indigene Territorien anerkannt. Heute leben hier 28.000 Menschen, zu 90 Prozent ethnische Nasa.

In Toribío hatte 1910 der Indigenenführer Quintín Lame mit den Großgrundbesitzern von Cauca um Land gerungen. Hier wurde auch der CRIC gegründet, um für "Einheit, Land und Kultur" von neun indigenen Völkern einzutreten. Von 1977 bis zu seiner Ermordung 1984 leitete der katholische Priester, der Indigene Álvaro Ulcué, das international anerkannte Nasa-Entwicklungsprojekt.

Aggressive Nachbarschaft

Im Norden und Osten von Toribío auf der anderen Seite der Andenkordillere werden nach Angaben der Regierung heftige Kämpfe geführt. Dort befindet sich der Hauptsitz von Alfonso Cano, dem derzeitigen FARC-Oberkommandierenden.

Am 9. Mai, als sich mehr als 1.500 Personen auf dem Marktplatz von Toribío eingefunden hatten, ging nur eine Straße entfernt eine Busbombe hoch, die drei Zivilisten und einem Polizisten das Leben kostete. Sie war offenbar von den Rebellen gezündet worden und sollte die nahe gelegene Polizeistation treffen. Doch das Revier gleicht einer Festung und trug nur kleine Kratzer davon.

Die Bombe zerstörte 27 Wohnhäuser. Weitere 433 Gebäude einschließlich Kirche wurden beschädigt. 1.175 Schüler blieben ohne Schule, und auch die einzige Bank der Ortschaft wurde dem Erdboden gleichgemacht. "Es gibt keine Rechtfertigung für eine solche Verachtung menschlicher Lebewesen", heißt es in dem CRIC-Papier.

"Wir wussten gar nicht, wo wir hinlaufen sollten", berichteten die Einwohner von Toribío einer Delegation des Kolumbien-Büros des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte (UNHCHR). Auch in anderen Ortschaften hatten FARC-Rebellen Bombenanschläge durchgeführt.

Militäroperation gegen die FARC

Die größte Guerillaorganisation im Lande, die sich 1964 mit Waffengewalt erhoben hatte, ist derzeit Zielscheibe einer gezielten und aufwendigen Militäroperation. Im Norden von Cauca sind fast 15.000 Soldaten abgestellt, um in dem Gebiet den FARC-Führer Cano aufzuspüren. Die Ankündigung der Regierung, noch mehr Militärs nach Cauca zu entsenden, hat die FARC veranlasst, ihre Kämpfer aus anderen Landesteilen zusammenzuziehen und Kinder und Milizen zu rekrutieren.

"Wenn wir diesen Krieg nicht stoppen, werden wir ein furchtbares Massaker an Zivilisten und die Zerstörung eines Großteils des politischen Friedens- und Demokratieprojekts erleben, das wir Indigene mit großer Anstrengung seit Jahren voranbringen", heißt es in dem CRIC-Papier. Einem Bericht der Nichtregierungsorganisation ´Corporación Nuevo Arco Iris´ zufolge ist Cauca eine von fünf Kriegsregionen, in denen die gewaltsamen Auseinandersetzungen zunehmen.

Wie der CRIC erläutert, "hat der Staat seine Gesetze und wirtschaftlichen Interessen der Aufrechterhaltung des Krieges und wirtschaftlich-militärischer Mafiagruppen untergeordnet". Der Guerilla gehe es längst nicht mehr darum, ein politisches Projekt zu verfolgen, sondern alle politischen Projekte zu zerstören und ihren militärischen Apparat aufrechtzuerhalten. Alle Kriegsparteien hätten bewusst Menschenrechtsverletzungen begangen und ihre Taten mit den Gräueltaten der anderen Konfliktparteien begründet. Der Minga gehört eine humanitäre Kommission an, die aus Frauen, Älteren und ehemaligen indigenen Entscheidungsträgern besteht. Sie wird ihre Sichtweisen der Indigenenbehörde mitteilen, die von der kolumbianischen Verfassung als höchste politische Instanz der indigenen Territorien anerkannt ist.

Autorin: Constanza Vieira (IPS)