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Proteste zum Gedenken an Tlatelolco-Massaker vor 45 Jahren

Mit einem traditionellen Protestmarsch gedenken heute in Mexiko-Stadt Aktivisten des „Komitees von 68“, Menschenrechtler, Gewerkschafter und Studenten des Massakers von Tlatelolco vor 45 Jahren. Da mit mehreren tausend Demonstranten in der Innenstadt zu rechnen ist, hat das Ministerium für öffentliche Sicherheit historische Gebäude und Banken entlang der Route mit einem 2,5-Meter Zaun weiträumig abgesperrt. 7.000 Polizisten sind bereits seit 23 Uhr am Vortag im Einsatz. Seit 6 Uhr heute Morgen finden an strategischen Punkten im Stadtzentrum Taschenkontrollen statt, um eventuell gefährliche Gegenstände vorzeitig aus dem Weg zu räumen. Angestellten der anliegenden Unternehmen hat die Polizei sogar geraten, die Vorhänge der Büros bis zum Abend geschlossen zu halten.

Um 15 Uhr starten die Demonstranten auf dem Platz der drei Kulturen und marschieren Richtung Zócalo, dem zentralen Platz vor dem Regierungsgebäude in Mexiko-Stadt. Dieser ist jedoch wegen der Errichtung eines Versorgungslagers für die Flutopfer geschlossen. Daher ist geplant, auf den Platz um das „Denkmal zur Revolution“ als Zielpunkt der Veranstaltung auszuweichen. Die Organisation „Artículo 19“ zur Verteidigung der Pressefreiheit und der Menschenrechte wird den Protestzug überwachen. Dadurch möchte sie verhindern, dass es zu Ausschreitungen sowie illegalen und willkürlichen Verhaftungen kommt. „Zu den Demonstrationen werden Aktivisten verschiedener sozialer Bewegungen erwartet, weshalb es notwendig ist, wachsam zu sein, um das Recht auf freie Demonstration zu garantieren”, so eine Pressemitteilung der Organisation von gestern, 1. Oktober.

Das Massaker von Tlatelolco gilt als Trauma im kulturellen Gedächtnis der Mexikaner. Am 2. Oktober 1968, zehn Tage vor der offiziellen Eröffnung der Olympischen Spiele in Mexiko-Stadt, spitzten sich die Demonstrationen gegen politische Missstände und Repression zu. Rund 5.000 Studenten demonstrierten friedlich auf dem Platz der drei Kulturen in Tlatelolco. Die mexikanische Regierung aber wollte der Welt ein perfektes Olympiafest präsentieren und erstickte die Proteste im Keim. Auf den Dächern der umliegenden Gebäude versteckte die Armee Scharfschützen. Unter die Demonstranten mischten sich Provokateure der Bundespolizei, die das Feuer auf die Scharfschützen eröffneten. Als von den Dächern ein Kugelhagel niederging, flohen die Demonstranten panisch. Über die Fluchtwege brachen die Panzer herein.

Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen starben beim Massaker von Tlatelolco 337 Menschen, Unzählige wurden verhaftet und gefoltert. Die Leichen des Blutbads landeten in unbekannten Massengräbern, viele Gebeine sind bis heute nicht auffindbar. Die Regierung selbst sprach von nur 37 Toten an diesem Abend. Den Studenten gab sie die Schuld an der blutigen Eskalation. Zehn Tage nach dem Massaker feierten das Olympische Komitee und die teilnehmenden Staaten ein fröhliches Eröffnungsfest in Mexiko-Stadt. Von Betroffenheit war keine Spur. Weder Sportfunktionäre noch Staatsoberhäupter protestierten gegen das brutale Vorgehen der mexikanischen Regierung. Ein Boykott der Olympischen Spiele stand nicht einmal zur Diskussion.

Bis heute wird verschwiegen, wer bei dem damaligen Einsatz den Schießbefehl erteilt hat. Der 2006 verhaftete damalige Innenminister und spätere Präsident Luis Echeverría kam kurze Zeit später wieder frei. Die Richter sahen die 38 Jahre zurückliegende Tat als verjährt an. Eine Initiative namens „Komitee von 68“ kämpft bis heute um eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle vom 2. Oktober und verlangt, dass die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft gezogen werden. (sck)