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"Presunto Culpable": Filmteam auf fast 170 Mio. Euro verklagt

Die Macher des mexikanischen Films "Presunto Culpable" (Mutmaßlich schuldig), müssen sich mit mehreren Zivilklagen auseinandersetzen, bei denen sie auf insgesamt umgerechnet fast 170 Millionen Euro verklagt werden. Der 2011 erschienene und mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm kritisiert das mexikanische Justizsystem anhand des Falls von Toño Zúñiga, der zu Unrecht wegen Mordes zu 20 Jahren Haft verurteilt und „mutmaßlich schuldig“ gesprochen worden war. In Mexiko wird erst ab 2016 die Unschuldsvermutung gelten. Bisher müssen Beschuldigte ihre Unschuld beweisen, um nicht verurteilt zu werden.

Ko-Regisseur, Anwalt und Produzent Roberto Hernández erklärte gegenüber Pressevertretern, hinter den Klagen gegen das Filmteam stehe eine Art "Racheakt" der mexikanischen Justiz, deren Korruptheit und fehlerhaftes Agieren durch den Film bloßgestellt worden sei. Das sei auch daran zu erkennen, dass "die Klagen alle aus derselben Feder stammen", erklärte Hernández in einem Interview mit CNN. Mit den Klagen wollten Teile der Justiz nun der Öffentlichkeit zeigen, was geschieht, wenn man mächtige Institutionen angreift. Produzentin Layda Negrete und er sollten zum Schweigen gebracht werden, so Hernández.

Der inzwischen meistgesehene Dokumentarfilm Mexikos war kurz nach Erscheinen von den Justizbehörden zensiert, dann wieder erlaubt, allerdings der Vertrieb verboten worden. Nach Angaben von Cinépolis hatte der Film in der ersten Woche 128.000 Zuschauer in die Kinos gelockt.

Regisseur erhielt erstmals Morddrohungen

Die drei Zivilklagen gegen Negrete und Hernández wurden nach Angaben von "Proceso" alle vom Justizpolizist José Manuel Ortega Saavedra vorgebracht, der Toño Zúñiga vor Jahren ohne Beweise und ohne Haftbefehl festgenommen hatte. Hernández kritisierte zudem gegenüber CNN, dass das im Film gezeigte und kritisierte Gericht nun auch über Anklagen wegen "immateriellem Schaden" gegen das Filmteam urteilen solle. Die Kläger sind unter anderem Angehörige des Mordopfers sowie der minderjährige Zeuge, der Toño Zúñiga mit seiner zweifelhaften Aussage in Haft gebracht hatte.

Am vergangenen Freitag hatte ein Gericht in Morelia (Michoacán) nach einer Vorführung des Films als Beweismittel der Anklage jedoch entschieden, dass vor zwei Jahren von einer Richterin ausgesprochene Aufführungsverbot aufzuheben. Eine im Film gezeigte Person hatte geklagt, dass ihr Ruf geschädigt werden würde. Roberto Hernández begrüßte gegenüber Pressevertretern die Entscheidung des Gerichts, unterstrich jedoch, dass faktisch auch weiterhin eine Zensur bestehe, da der Vertrieb des Films durch die noch ausstehenden Prozesse mit Klagen in fast 170 Mio. Euro verunmöglicht werde.

Hernández machte am letzten Freitag auch öffentlich, dass er am 8. November erstmals in seinem Leben eine Morddrohung erhalten habe. Es habe sich um einen Anruf gehandelt in dem gedroht worden sei, ihn und seine beiden Töchter umzubringen, so der Filmemacher.

Der 87-minütige Dokumentarfilm hat ungeachtet der Zensur in Mexiko zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem erhielt er 2011 einen Emmy für die beste journalistische investigative Recherche. (bh)